Albin Brezlan.
Energie braucht Charakter.
Albin Brezlan über Freiraum im Warm-up, Schall mit Huebl und die unterschiedlichen Perspektiven hinter SIGNAL und NINE O NINE.
Im Gespräch mit Albin Brezlan
Ein Warm-up kann eine eigene Geschichte erzählen. Ein roher Sound kann seine Vergangenheit in eine neue Produktion mitnehmen. Und eine Booking-Entscheidung muss nicht dem persönlichen Geschmack eines DJs folgen. Albin Brezlan spricht über den Raum zwischen diesen Perspektiven: seine eigenen Sets, die Arbeit mit Huebl bei NINE O NINE und einen anderen Programmzugang bei SIGNAL.
Albin Brezlan ist ein österreichischer DJ und Produzent mit Sitz in Wien. Gemeinsam mit Huebl führt er das Techno-Label und Kollektiv NINE O NINE; außerdem arbeitet er am Booking von SIGNAL. Seinen eigenen DJ-Sound beschreibt er als Raw, Driving Techno und Hardgroove. Das schriftliche Gespräch entstand im Oktober 2026 nach einer Empfehlung von Tomagan.
Ein Warm-up mit Freiraum

Du spielst sowohl zum Einstieg in eine Nacht als auch zu späteren Stunden. Was macht für dich ein gutes Warm-up aus, bei dem du selbst richtig Lust aufs Auflegen bekommst?
Für mich ist ein gutes Warm-up definitiv mehr als einfach nur langsam anzufangen. Es geht darum, ein Gefühl für den Raum zu bekommen, die Leute abzuholen und die Energie über das Set hinweg aufzubauen.
Gerade beim Warm-up finde ich es spannend, dass man musikalisch oft viel mehr Freiheiten hat, als man denkt. Ich kann mit verschiedenen Grooves spielen, auch mal hypnotischer werden und eine gewisse Spannung erzeugen, ohne gleich alles vorwegzunehmen.
Am Ende geht es für mich darum, eine Geschichte zu erzählen und den Floor auf das vorzubereiten, was danach kommt. Wenn ich merke, dass die Leute langsam mitgehen und sich diese Energie im Raum entwickelt, macht mir das mindestens genauso viel Spaß wie ein Peak-Time-Set.
Schall neu gebaut

Du hast mit Huebl einen Schranz Rebuild von „Schall“ gemacht. Was hat euch an dem Stück gereizt, es gemeinsam noch einmal anzufassen?
Ich glaube, gerade bei solchen Tracks ist es die Kombination aus Nostalgie und der Möglichkeit, etwas Eigenes daraus zu machen. Wir beide haben eine große Leidenschaft für den härteren, klassischen Techno-Sound, und genau diese Energie wollten wir mit unserem Rebuild aufgreifen.
Uns ging es dabei nicht darum, das Original einfach nur schneller oder härter zu machen, sondern ihm unseren eigenen Charakter zu geben. Diesen rohen, kompromisslosen Schranz-Sound mit einer zeitgemäßen Produktion zu verbinden, war für uns der spannendste Teil.
Und natürlich macht es einfach unglaublich Spaß, gemeinsam im Studio an einem Track zu arbeiten, bei dem beide sofort wissen, in welche Richtung es gehen soll.
Ein guter DJ und ein guter Booker müssen nicht zwangsläufig dieselben musikalischen Entscheidungen treffen.
Charakter vor Trends

Was muss jemand musikalisch mitbringen, damit du denkst: Die Person würde gut zu NINE O NINE passen?
Für mich muss ein Artist vor allem einen eigenen musikalischen Charakter haben. Ich finde es viel interessanter, wenn jemand seinen eigenen Sound konsequent verfolgt, anstatt jedem aktuellen Trend hinterherzulaufen.
Bei NINE O NINE geht es Huebl und mir darum, Musik und Artists zu unterstützen, hinter denen wir auch wirklich stehen. Wir haben bereits mit Artists wie Uncertain, Linear System oder Fhase 87 zusammengearbeitet und haben unter anderem mit DLV, D.A.V.E. The Drummer und Specific Objects weitere spannende Projekte in Vorbereitung.
Dabei geht es uns nicht ausschließlich um einen bestimmten Techno-Stil. Natürlich haben wir eine klare musikalische Richtung, aber innerhalb dieser gibt es unglaublich viel Spielraum. Entscheidend ist für mich, dass die Musik Energie, Charakter und einen gewissen Wiedererkennungswert mitbringt.
Und ganz ehrlich: Auch die menschliche Komponente spielt eine Rolle. Gerade wenn man gemeinsam etwas aufbauen möchte, muss es nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich passen.
DJ-Gehör, Booking-Perspektive

Gab es einen Abend, an dem du beim eigenen Set etwas über den Raum gelernt hast, das später eine Booking-Entscheidung beeinflusst hat?
Ehrlich gesagt würde ich meine eigenen Sets und meine Booking-Entscheidungen eher voneinander trennen. Als DJ bewege ich mich hauptsächlich im Bereich Raw, Driving Techno und Hardgroove. Das ist mein persönlicher Sound und die Musik, die ich selbst am liebsten spiele.
Bei SIGNAL verfolgen wir hingegen ein etwas anderes Konzept. Unsere Bookings sind deutlich stärker headlinergetrieben und musikalisch teilweise auch kommerzieller ausgerichtet. Da geht es nicht unbedingt darum, welchen Artist ich persönlich am liebsten hören oder spielen würde, sondern darum, wer zum Event, zur Zielgruppe und zum Gesamtkonzept passt.
Bei NINE O NINE bin ich musikalisch natürlich deutlich näher an meinen eigenen Vorlieben. Trotzdem versuche ich auch hier, nicht ausschließlich aus der Perspektive eines DJs zu denken.
Was ich durch das Auflegen definitiv gelernt habe, ist, einen Raum und sein Publikum besser zu verstehen. Aber ein guter DJ und ein guter Booker müssen nicht zwangsläufig dieselben musikalischen Entscheidungen treffen. Ich finde gerade diesen Perspektivenwechsel ziemlich spannend.
Raus aus gewohnten Strukturen
Wenn du dir als Nächstes ein musikalisches Experiment aussuchen könntest, ganz unabhängig vom nächsten Clubtermin: Was würdest du gern ausprobieren?
Mich reizt vor allem die Verbindung zwischen klassischem, rohem Techno und modernen Produktionen. Ich finde, dass gerade ältere Sounds unglaublich viel Charakter haben, und würde gerne noch mehr damit experimentieren, diese Elemente in einen neuen Kontext zu bringen.
Was mich ebenfalls interessiert, ist, musikalisch auch einmal bewusst aus den gewohnten Strukturen auszubrechen. Nicht jeder Track muss nach dem gleichen Schema funktionieren, und nicht jede Produktion muss zwangsläufig für die Peak-Time gedacht sein.
Ich glaube, gerade dann, wenn man sich selbst musikalisch nicht zu viele Grenzen setzt, entstehen die interessantesten Dinge. Und genau diesen Freiraum möchte ich mir auch für zukünftige Produktionen nehmen.
Albin Brezlan
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. © Pascal Riesinger · SCENE:ID Farbgestaltung · © Tim Walker · SCENE:ID Farbgestaltung