ANML MTHR.
Record drücken. Den Moment offenlassen.
ANML MTHR über Nächte, die bleiben, raue Basslines und die Freiheit zwischen vorbereiteten Patterns.
Im Gespräch mit Michael alias ANML MTHR
Eine Halle im Wiener Gasometer, zwei Musiker an ihren Maschinen und ein Moment, der nicht mehr verschwindet: Wenn Michael alias ANML MTHR von seinen prägenden Nächten erzählt, wird aus der Erinnerung eine Verbindung zur eigenen Arbeit. Heute sucht er diese Energie im Hardware-Live-Set und in langen Studio-Jams. Wir sprechen über Hardcore und Dubstep, seine Zusammenarbeit mit Florian Meindl und darüber, was vorbereitet sein muss, damit im entscheidenden Augenblick etwas offenbleiben kann.
ANML MTHR ist ein österreichischer Hardware-Liveact und Produzent mit Veröffentlichungen auf FLASH Recordings. Acid-Lines, raue Basssounds und modulare Synthesizer prägen seine Musik. Das Gespräch entstand per E-Mail im Oktober 2026; die Erinnerungen an frühere Nächte erzählt Michael aus seiner persönlichen Perspektive.
Nächte, die nicht verschwinden.
In deiner Biografie nennst du die Wiener und Berliner Techno-Szene der Neunziger als prägend. Gibt es einen Abend oder einen Sound von damals, an den du heute noch denkst, wenn du an deinen Maschinen stehst?
Boah, da gab es wirklich viele Nächte, die ich nie vergessen werde. Aber ein Abend ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben. Das war im Mai 1998 im Wiener Gasometer, als The Advent damals noch zu zweit ihr Album New Beginning live gespielt haben. Ich war gerade 17 Jahre alt und stand da mit ein paar tausend Leuten in dieser Halle. Vorne Cisco Ferreira und Colin McBean an ihren Drum Machines und Samplern, und die haben einen Sound rausgehauen, das war einfach irre.
Ich sehe das heute noch vor mir. Cisco schraubt an seinen Maschinen herum, Colin fängt vorne an zu tanzen und plötzlich geht ein riesiges Grölen durch die Menge, weil Carl Cox aus dem Dunkeln ins Blitzlicht auf die Bühne kommt. Das war so ein Moment, den vergisst du einfach nicht. New Beginning ist übrigens bis heute eines meiner absoluten Lieblingsalben.
Ich glaube, das war auch einer der Abende, an denen mir klar wurde, dass ich genau das auch machen will. Mit Maschinen auf einer Bühne stehen und live diesen Sound raushauen. Das hat mich damals komplett umgehauen.
Wien hatte in den 90ern sowieso eine unglaubliche Szene. Diese Partys in den alten ÖBB-Hallen, die Spiral-Tribe-Partys, das war alles völlig verrückt. Da waren mehrere riesige Hallen nebeneinander, in jeder stand eine fette Anlage, überall Strobo, überall tanzende Menschen. Teilweise hat das ausgeschaut wie in einem alten Prodigy-Video, wie bei No Good. Alles war laut, voller Energie, XTC und sehr viel Liebe. Das kann man heute gar nicht mehr so richtig beschreiben.
Berlin war wieder eine ganz andere Geschichte. Ich bin ein paar Mal im Jahr raufgefahren, meistens für ganz bestimmte Partys. Die Fuckparade, die Hardcore- und Gabber-Nächte, die Abschlusspartys auf der Insel der Jugend oder im alten Stellwerk. Im Stellwerk ist die U-Bahn direkt am Club vorbeigerauscht. Du standest da drinnen, hast Musik gehört und plötzlich fährt draußen direkt an dir eine U-Bahn vorbei. Völlig irre eigentlich.
Oder diese eine Acid-Party im alten Bunker in Berlin-Mitte. Wir standen da in unseren Baggies und der Bass war so brutal, dass wirklich alles an uns gezittert hat. Die Hosen, die Ohrläppchen, einfach alles. Ich hatte teilweise das Gefühl, ich bekomme kaum noch Luft. Das war schon Wahnsinn.
Und natürlich der alte Tresor. Nächte mit Lenny Dee oder Manu le Malin werde ich nie vergessen. Damals sind wir mit dem Taxi zum Club, ausgestiegen und einfach reingegangen. Keine riesigen Schlangen, kein großes Theater. Einfach rein und Musik hören. Und die war laut, richtig laut. Und wenn die Party aus war, ab zum Bahnhof und wieder nach Hause!
Wenn ich heute daran zurückdenke, bekomme ich teilweise immer noch Gänsehaut. Das waren einfach unglaubliche Nächte. Und ich glaube, genau diese Erlebnisse haben mich damals dazu gebracht, selbst Musik machen zu wollen. Vor allem dieser Abend mit The Advent. Ich sehe die beiden heute noch vor mir, wie sie an ihren Maschinen stehen und diesen Sound raushauen. Das hat mich damals komplett umgehauen und tut es irgendwie heute noch.
Ein Gerüst für die Freiheit.

Wenn du ein Hardware-Live-Set vorbereitest: Was muss vorher stehen, damit du auf der Bühne wirklich frei reagieren kannst? Und was lässt du ganz bewusst offen?
Also, was bei mir vorher stehen muss, ist auf jeden Fall das Grundgerüst der Tracks. Die Beats, die Sounds und vor allem die Melodien. Gerade Melodien programmiere ich lieber schon zu Hause vor. Ich möchte mich beim Live-Spielen nicht darauf konzentrieren müssen, irgendwelche Noten richtig zu treffen. Ich will den Moment ja auch selbst genießen und mich auf das konzentrieren können, was gerade passiert.
Was ich mir aber ganz bewusst offen lasse, ist eigentlich alles rund um den Aufbau eines Tracks. Wann mache ich einen Break? Wie lange ziehe ich den raus? Wann nehme ich die Kick weg und wann kommt sie wieder rein? Wann kommt eine Hi-Hat oder eine Ride dazu? Das entscheide ich meistens spontan.
Viele Drum-Elemente spiele ich auch direkt über die Tasten rein. Einfach drücken, wenn ich das Gefühl habe, jetzt passt es. Bei Vocals ist es ähnlich. Wenn etwas regelmäßig an einer bestimmten Stelle kommen soll, programmiere ich es vorher. Wenn ich aber möchte, dass ein Vocal nur ab und zu auftaucht, dann triggere ich es einfach live, wann immer mir danach ist.
Und natürlich schraube ich die ganze Zeit an den Maschinen herum. Filter auf, Filter zu, Decay verändern, Release verändern, Sounds formen. Gerade das macht mir ja am meisten Spaß. Ich möchte nicht einfach nur fertige Patterns abspielen, sondern wirklich mit den Geräten arbeiten.
Auch die Reihenfolge meiner Tracks ist nicht festgelegt. Ich schaue mir das Publikum an und versuche ein bisschen zu spüren, was gerade passt. Wenn ich mir denke, jetzt könnte ich diesen Track bringen, dann mache ich das einfach. Und je nachdem, wie die Leute reagieren, entwickelt sich das Set dann weiter.
Ich bereite also schon einiges vor, aber ich möchte mir unbedingt diese Freiheit lassen. Sonst wäre es für mich irgendwie nicht mehr das Live-Spielen, das ich so liebe.
Was nicht passt, fliegt raus. Was gut ist, bleibt.
Die Energie bleibt im Bass.
Du hast vor Anml Mthr auch Dubstep und Hardcore gemacht. Was aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen steckt heute noch in deinem Umgang mit Bass und Rhythmus – vielleicht an einer Stelle, an der man es nicht sofort vermuten würde?
Hardcore war eigentlich mein Anfang. Ich habe heute noch eine irre große Sammlung an alten Hardcore- und Gabber-Platten zu Hause und war in den 90ern und auch Anfang der 2000er auf extrem vielen Hardcore- und Gabber-Partys unterwegs. Dieser Sound hat mich damals wahnsinnig geprägt.
Was ich an Hardcore immer so geliebt habe, war diese Brutalität. Ich liebe Distortion, diesen völlig verzerrten Sound. Wenn du eine 909-Kick, Hi-Hats und andere Drums durch eine Verzerrung jagst und plötzlich alles so richtig dreckig und mächtig klingt. Das finde ich einfach geil.
Hardcore hatte für mich oft dieses Gefühl, als würde ein Track losgehen und sofort kommt dieser Peak-Moment, der dann einfach die ganze Zeit da ist. Schwer zu beschreiben. Aber genau das mochte ich. Dazu diese alten Synthesizer-Sounds, die Acid-Lines und diese kurzen Vocal-Fetzen, die in alten Hardcore-Tunes immer wieder auftauchen. Das liebe ich heute noch.
Dubstep kam dann so um 2009 dazu. Meine erste richtige Dubstep-Party war damals eine Deep-Medi-Night im Berghain mit Mala und anderen Artists. Das war ein unfassbarer Abend. Dieser Bass, diese Anlage, dieses ganze Gefühl. Ich wollte damals eigentlich gar nicht mehr nach Hause.
Was mich an Dubstep bis heute abholt, ist dieses tiefe Bassgefühl und gleichzeitig, wie wenig es eigentlich braucht, damit ein Track funktioniert. Ein fetter Bass, ein einfacher Beat und dieser eine Synthesizer-Sound, der alles trägt. Gerade diese alten Wobble-Bässe haben mich irgendwie immer an die Musik von früher erinnert. Da ging es oft auch nur um einen bestimmten Sound, ein bisschen Beat dazu und fertig. Und das Tempo um 140 BPM mag ich sowieso total.
Was Hardcore und Dubstep für mich auch gemeinsam hatten, war die Szene selbst. Das waren richtige eingeschworene Gemeinschaften. Da war keine Laufkundschaft auf den Partys. Die Leute waren dort, weil sie genau diesen Sound hören wollten. Und das hat man auch gespürt.
Ich glaube, dass von beiden Musikrichtungen heute noch ziemlich viel in meinen Tracks steckt. Vom Hardcore diese rohe Energie, die Verzerrung und diese Direktheit. Vom Dubstep dieses tiefe Bassgefühl und die Konzentration auf einzelne Sounds. Aber es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und bewusst versuche, irgendwelche Hardcore- oder Dubstep-Elemente einzubauen. Ich liebe einfach diesen rauen, druckvollen Sound. Das hat sich über die Jahre so bei mir festgesetzt, dass es mittlerweile ganz automatisch in meine Musik einfließt. Das ist einfach der Sound, den ich selbst gerne höre.
Ein Blick reicht.

Du hast mit Florian Meindl mehrere gemeinsame Veröffentlichungen gemacht. Wie arbeitet ihr zusammen, wenn beide eigene musikalische Vorstellungen mitbringen? Erzähl gern von einer Idee, die erst durch den anderen ihre eigentliche Form gefunden hat.
Florian und ich kennen uns eigentlich schon seit unserer Kindheit. Wir hatten uns nach seinem Umzug 2005 nach Berlin aus den Augen verloren. Über zehn Jahre später oder so habe ich ihm irgendwann immer wieder mal kleine Ausschnitte von meinen Tracks geschickt und er hat dann oft gemeint, ich soll doch endlich mal etwas richtig aufnehmen. Aber irgendwie habe ich das nie gemacht. Bis er eines Tages einfach vor meiner Haustür stand und meinte: „So, heute recorden wir Sachen!“ Tja, genau so hat das eigentlich alles angefangen.
Das Coole an unserer Zusammenarbeit ist, dass wir uns musikalisch fast blind verstehen. Oft reicht schon ein Blick oder ein kleines Augenzwinkern und ich weiß genau, was er gerade vorhat. Wenn er zum Beispiel eine Filterfahrt macht, weiß ich meistens schon, worauf er hinaus will und was ich dazu machen kann. Und umgekehrt funktioniert das genauso.
Wir haben in Sachen Techno einfach einen unglaublich ähnlichen Geschmack. Wir lieben dieselben Sounds, haben oft dieselben Ideen und teilen diese Begeisterung für Maschinen und das, was man aus ihnen herausholen kann. Da muss man nicht ständig großartig darüber reden. Es funktioniert einfach.
Ich kann Florian ein völlig unfertiges Grundgerüst von einem Track schicken und er macht daraus etwas Fertiges. Und wenn ich es mir danach anhöre, denke ich oft nur: Boah, genau so! Obwohl ich ihm vorher gar nicht erklären musste, wie ich mir das eigentlich vorgestellt habe. Und ich glaube, umgekehrt ist es ganz genauso.
Was ich auch total an unserer Zusammenarbeit schätze, ist, dass Florian unglaublich viel Kreativität in mir hervorbringt. Wir inspirieren uns gegenseitig und irgendwie funktioniert das alles ganz natürlich.
Und das Verrückte ist, dass bei diesem ersten spontanen Recording damals tatsächlich ein Track entstanden ist, der dann auf meiner ersten EP bei Flash Recordings veröffentlicht wurde. Eigentlich hat alles damit angefangen, dass Florian einfach vor meiner Tür stand und meinte, wir nehmen heute etwas auf. Wenn ich heute daran denke, muss ich immer noch schmunzeln. Wir verstehen uns musikalisch einfach blind, und ich glaube, genau das macht es aus.
Die Aufnahme läuft mit.
Deine Stücke entstehen laut deiner Biografie als durchgehende Hardware-Aufnahmen. Kannst du uns von einem Take erzählen, in dem etwas Ungeplantes passiert ist und du hinterher dachtest: Genau so bleibt es?
Im Grunde entstehen meine Tracks eigentlich fast immer so. Ich gehe ins Studio, schalte meine Maschinen ein und fange einfach an. Mal schraube ich irgendwelche Patches an meinem Modularsystem, mal programmiere ich Drums auf meinen Drum Machines oder Samplern. Bei mir ist eigentlich immer alles miteinander verbunden und spielbereit. Ich muss nur einen Knopf drücken und alles läuft. Das ist mir auch total wichtig, weil ich einfach jederzeit jedes meiner Geräte verwenden können möchte, ohne vorher großartig irgendwas umstecken oder aufbauen zu müssen.
Florian hat einmal etwas zu mir gesagt, das meine Arbeitsweise ziemlich verändert hat. Er meinte: „Wenn du ins Studio gehst, schalte deine Geräte ein, drück Record und nimm einfach alles auf, was du machst. Auch wenn es drei Stunden sind.“ Und genau das mache ich mittlerweile meistens.
Ich starte einfach eine Aufnahme und lasse mich treiben. Ohne vorher genau zu wissen, was dabei herauskommt. Da entstehen dann manchmal stundenlange Live-Jams, in denen ich an irgendwelchen Sounds schraube, neue Elemente dazu nehme, andere wieder rausnehme und einfach schaue, was passiert.
Hinterher höre ich mir das Ganze an und suche die Stellen raus, die mich wirklich abholen. Manchmal sind das nur ein paar Minuten aus einer drei Stunden langen Session. Und genau daraus mache ich dann einen Track. Ich schneide die besten Passagen raus, versuche das Ganze noch ein bisschen schöner aufzubauen, nehme vielleicht ein paar Elemente weg oder füge andere hinzu. Aber die eigentliche Idee kommt immer aus diesem ursprünglichen Jam.
Das ist ja auch das Schöne daran. Du weißt vorher nie genau, was passiert. Manchmal schraubst du an irgendeinem Sound herum, veränderst etwas und plötzlich denkst du dir: Boah, das ist es jetzt! Und genau solche Momente möchte ich festhalten.
Ich versuche deshalb auch gar nicht, alles perfekt durchzuplanen. Was nicht passt, fliegt raus. Was gut ist, bleibt. Und dann schaue ich einfach, was daraus wird. So macht mir das Musikmachen am meisten Spaß.
ANML MTHR
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. © Markus Weickinger · SCENE:ID Bildgestaltung · © Florian Meindl · SCENE:ID Farbgestaltung