ID: INTERVIEW · AUSTRIA

CMKK.

Gemeinsam den Raum spielen.

Vier Stimmen aus CMKK über offene Strukturen, selbst angepasste Instrumente und die Kunst, einander Platz zu lassen.

Im Gespräch mit Carmen Pomet, Anton Stuk, Lars Tuchel und Mattia Benedetti
Ein klingendes Spielzeugauto bei CMKKosmos im esc medien kunst labor · © ORF musikprotokoll/Martin Gross
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Bildgestaltung

Ein Spielzeugauto fährt durch eine Galerie, Klänge kommen aus verschiedenen Richtungen, und zwischen festen Zuspielungen entsteht Raum für Improvisation. Bei CMKKosmos am 10. Oktober 2026 im Grazer esc medien kunst labor war auch der Raum Teil des gemeinsamen Spiels. Nach dem Auftritt beim ORF musikprotokoll im steirischen herbst sprechen Carmen Pomet, Anton Stuk, Lars Tuchel und Mattia Benedetti über das Organisieren und Musizieren ohne feste Hierarchie – und darüber, wie aus sehr unterschiedlichen Beiträgen ein gemeinsames Projekt wird.

CMKK steht für Computer-Musik und Klang-Kunst. Die offene Grazer Gemeinschaft ist in der Arbeit am IEM verwurzelt und gestaltet Konzerte, Clubnächte und Workshops. Dieses Gespräch entstand per E-Mail und in einem gemeinsamen Textdokument. Die Antworten wurden behutsam redigiert und übersetzt; die Stimmen bleiben einzeln benannt. Die Fotografien zeigen Konzert und Workshop von CMKKosmos beim ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.

01 / IM GESPRÄCH

Die Galerie wird zum Instrument.

Gruppenaufnahme bei CMKKosmos im esc medien kunst labor, ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung

Für den 10. Oktober war CMKKosmos im esc medien kunst labor angekündigt. Wie ist es für euch gelaufen? Gab es beim gemeinsamen Spielen einen Moment, der euch überrascht hat und den ihr so nicht hättet planen können?

Lars Tuchel: Wir haben ja in einer Galerie gespielt, also nicht in einem klassischen Konzertraum. In solchen Situationen, wo man keine herkömmliche Bühnensituation vorfindet, ist es immer auch spannend, den Raum wirklich vor Ort erkunden zu können und spezifisch für die Situation die Position von Lautsprechern, Musiker*innen und so weiter zu bestimmen.

Anton Stuk: Für mich war es unerwartet gut. Mein Part kam nach einer gemeinsamen Improvisation, daher gab es für mich keine Überraschungen.

Carmen Pomet: Wir sind eine Gemeinschaft, die nicht nur kreative Interessen teilt. Uns verbindet auch das gemeinsame Ziel, vielfältige Live-Elektronik-Situationen zu organisieren. Wir haben eigene Instrumente entwickelt und damit auf der Bühne gespielt, aber auch das Material organisiert, den Raum vorbereitet und entschieden, wie wir spielen und unsere Spielpositionen anordnen. Wir machen vieles gleichzeitig: Kuratorisches, Künstlerisches, Technisches. Dafür sind die unterschiedlichen Perspektiven und Kräfte aller Beteiligten besonders wertvoll.

02 / IM GESPRÄCH

Eine Struktur, die Chaos zulässt.

Musiker an elektronischen Geräten während CMKKosmos im esc medien kunst labor, ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung

Ihr beschreibt CMKK als eine Gemeinschaft ohne feste Hierarchie. Wie findet ihr beim Proben oder Spielen heraus, wohin es musikalisch gehen soll? Erzählt gern von einer Situation, in der mehrere unterschiedliche Ideen zusammenkommen mussten.

Mattia Benedetti: Ich glaube, es geht in jedem Projekt auch darum, Chaos und persönliche Eigenheiten willkommen zu heißen, statt eine Veranstaltung von oben herab zu kuratieren.

Carmen Pomet: Jedes Projekt ist anders, und auch die Musiker*innen wechseln. Jedes Projekt steht der gesamten CMKK-Community offen. Sie trifft sich regelmäßig; dort werden Projekte und Organisatorisches vorgestellt. Meist gibt es eine Ausgangsidee und ein Konzept. Diesmal haben wir je nach Interessensschwerpunkten verschiedene Gruppen gebildet. Daraus entstand eine Struktur, die zwischen Fixed Media und Improvisation changiert.

Die Abfolge war: diary duo → Hamid → Improvisation → Lars → Improvisation → Autos.

Anton Stuk: Wir müssen das alles gemeinsam abstimmen. Es kommt fast immer vor, dass unsere Vorstellungen davon, wie wir vorgehen sollen, stark voneinander abweichen. Deshalb einigen wir uns auf der Grundlage dessen, was uns derzeit zur Verfügung steht.

Lars Tuchel: Jedes Objekt, das klingt, kann sozusagen Teil der Musik werden.
03 / IM GESPRÄCH

Wenn ein Spielzeugauto klingt.

Musikerin an einem elektronischen Instrument bei CMKKosmos, ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung

In der Beschreibung von CMKKosmos stehen Perkussion, E-Gitarre und Laptop neben einem Spielzeugauto. Wie kommt so ein Gegenstand ins Stück? Was muss euch an einem Geräusch neugierig machen, damit ihr damit weiterarbeitet?

Anton Stuk: In unseren Performances vereint sich alles, was harmonisch miteinander koexistieren kann. Für mich persönlich war es bei dieser Veranstaltung wichtig, verschiedene Klangeffekte auszuprobieren, die durch die Bewegung der Klangquelle entstehen. Im esc gab es mehr Platz als in einem gewöhnlichen Konzertsaal.

Lars Tuchel: Ich denke, in der elektronischen Musik generell, auch im kommerziellen Bereich, sieht man einen unglaublich spannenden Umgang mit Geräuschen aller Art. Solange man das richtig zusammenstellt, kann sozusagen jedes Objekt, das klingt, Teil der Musik werden.

Carmen Pomet: Wir wussten, dass vor dem CMKKosmos-Konzert beim musikprotokoll ein Workshop stattfinden würde. Deshalb haben wir uns auf die Idee konzentriert, dass alle mit einem einzigen Instrument spielen, das sie selbst angepasst haben. In den Improvisationen brachten alle etwas anderes mit. Deswegen wollten wir einen kollektiven, heterogenen Klang aus diesen Klängen entstehen lassen.

04 / IM GESPRÄCH

Mit einer Idee dazukommen.

Teilnehmende und elektronische Instrumente beim CMKKosmos-Workshop, ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung

Eure Veranstaltungen sind auch für Menschen offen, die noch keine Erfahrung mit elektronischer Musik oder Klangkunst haben. Wenn jemand zum ersten Mal dazukommt und gern mitmachen möchte: Wie könnte der Einstieg aussehen? Vielleicht erinnert ihr euch an eine Begegnung, aus der später mehr geworden ist.

Lars Tuchel: Wir hatten auch mal Mitglieder, die am Anfang selbst gar keine Musik gemacht haben und vor allem organisatorisch tätig waren. Über die Zeit hinweg gab’s dann aber doch immer wieder den Drang, selbst etwas auszuprobieren. Das ist, denke ich, das Beste, was wir erreichen können. Im akademischen Bereich, wo wir alle so ein bisschen herkommen, gibt’s halt schon noch eine hohe Eintrittshürde, die es bei elektronischer Musik eigentlich nicht braucht oder geben sollte.

Carmen Pomet: Das Line-up unserer Veranstaltungen ist nie auf die Community beschränkt, sondern offen für Freund*innen und Bekannte. Bei CMKKosmos waren tatsächlich auch Künstler*innen dabei, die nicht in Graz leben, aber gern mitgemacht haben. Außerdem sind uns unser Code of Conduct und Barrierefreiheit sehr wichtig. Beides ist in einem klar formulierten Manifest festgehalten.

Anton Stuk: Man könnte einfach zu uns kommen und uns die eigene Idee vorstellen. Beim nächsten Plenum wird dann alles besprochen.

05 / IM GESPRÄCH

Aus vielen Richtungen zuhören.

Publikum, Lautsprecher und Spielpositionen im Galerieraum bei CMKKosmos, ORF musikprotokoll im steirischen herbst 2026.
Foto: © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung

Ihr bewegt euch zwischen Ausstellungen, Konzerten und Clubnächten. Was verändert der jeweilige Ort an der Art, wie ihr spielt und einander zuhört? Und welchen Rahmen würdet ihr als Nächstes gern gemeinsam ausprobieren?

Carmen Pomet: Räume bestimmen, wie die Interaktion mit dem Publikum stattfindet. Eine klare Bühne trennt das Publikum von den Musiker*innen. Wir arbeiten außerdem mit wechselnden Lautsprecher-Setups und nie konventionell mit einem Stereopaar. Stattdessen spielen wir mehrkanalig, um den Raum zu erweitern. Weil die Klänge aus vielen Richtungen und Räumen kommen, lädt das das Publikum ein, zu erkunden, wo es sich gerade befindet.

Anton Stuk: Ich überlege mir einfach, was in jeder Situation passieren könnte und/oder was am meisten überraschen würde. Im November findet im Café Wolf ein Schreibtischkonzert statt. Es wird mehr Experimente geben sowie neue DJ-Sets.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Bildgestaltung · © ORF musikprotokoll/Martin Gross · SCENE:ID Farbgestaltung