ID: INTERVIEW · AUSTRIA

GehLekTek.

Der Energie folgen.

GehLekTek über LOVE und RAGE, Kicks mit eigener Klangfarbe und Livesets, die im Moment entstehen.

Im Gespräch mit GehLekTek
GehLekTek · SCENE:ID
Foto: © Lena Hummelsberger · SCENE:ID Bildgestaltung

Ein Sound übernimmt die Führung, ein versehentlich gedrückter Knopf öffnet eine neue Richtung, und eine im Publikum gesungene Melodie findet später ins Liveset. Für GehLekTek greifen Studio und Tanzfläche ständig ineinander. Der Wiener Produzent spricht darüber, wie aus offenen Ideen Musik wird, warum Liebe und Wut für ihn zusammengehören und was eine Szene trägt, in der aus Begegnungen gemeinsame Arbeit entsteht.

Hinter GehLekTek steht Jonas Eigenschink aus Wien. Seine Musik bewegt sich zwischen Acid, Tekno, Mental, Tribe und Trance. Nach LOVE von 2025 erschien im Juli 2026 RAGE; mit dem GehLekKickPack gibt er eigene Sounds zum Weiterarbeiten weiter. Fünf Fragen per E-Mail, behutsam redigiert und ins Englische übersetzt.

01 / IM GESPRÄCH

Wenn ein Sound die Richtung vorgibt.

GehLekTek beim Performen hinter seinem mit Stickern beklebten Laptop und elektronischem Equipment.
Foto: CASSSEVEN NUMERIQUE · SCENE:ID Bildgestaltung

In einem deiner Studio-Clips geht eine dubbige Passage in treibenden Tribe über. Wie entsteht so ein Wechsel bei dir: Spielst du dich beim Jammen dorthin, oder hast du den Verlauf schon im Kopf? Nimm uns gern an einer konkreten Stelle mit.

Grundsätzlich ist es ganz unterschiedlich, wie bei mir die Ideen zusammenkommen. Manchmal gibt es eine ganz klare Vorstellung davon, was ich machen will, manchmal produzier ich einfach drauflos. Auch wenn am Anfang eine konkrete Idee vorhanden ist, geht das Projekt oft durch einen bestimmten Sound, der überhandnimmt, in eine komplett andere Richtung – die mir dann besser gefällt als die Anfangsidee.

Deswegen mag ich lose Rahmenbedingungen lieber als ein in Stein gemeißeltes, konkretes Ziel. Das war zum Beispiel auch beim erwähnten Clip so: Ich wollte einfach Dub und Tribe irgendwie kombinieren. Welche Melodie oder Stimmung dabei rauskommen sollte, hab ich in dem Fall komplett offengelassen.

02 / IM GESPRÄCH

Liebe und Wut in Bewegung bringen.

GehLekTek blickt in einem nächtlichen Porträt nach oben; Licht und Gitter werfen Schatten.
Foto: © Lena Hummelsberger · SCENE:ID Bildgestaltung

Nach LOVE kam 2026 RAGE. Wenn du die Arbeit an den beiden Alben vergleichst: Was hast du bei RAGE anders gemacht oder zugelassen? Welcher Track erzählt davon am besten?

Die zwei Alben sollen Gegenpole der eigentlich selben Sache darstellen. Der Unterschied ist oft gar nicht so leicht zu beurteilen. Was RAGE aber besonders geprägt hat, war eine sehr langwierige depressive Phase, die großteils auch von gesundheitlichen Problemen geprägt war. Darin staute sich eine große Menge Weltschmerz und Wut auf, die dann in den Quasi-Titeltrack „Revolute“ wanderten.

Eine zweite große Inspiration war meine Teilnahme am Riot Over River Festival in Prag. Dort motivierte mich vor allem der Auftritt der Band Stage Bottles dazu, „I Am Only A Pacifist As Long As You Are Not A Nazi“ als einzigen Punk-Track aufs Album zu packen.

Für mich war LOVE ein Fest der Liebe und RAGE ein Fest der Wut. Wichtig ist, dass beides die jeweiligen Energien sammelt und konstruktiv umsetzt. Es ist essenziell, alles fühlen und verarbeiten zu können, und da kann nicht immer alles „happy bappy“ sein.

In der heutigen Zeit ist ziemlich wild, was so abgeht. Dabei ist es genauso wichtig, den Frust zu verarbeiten, wie sich daran zu erinnern, worum wir eigentlich kämpfen. Beide Alben sollen jedem, der sie hört, Kraft spenden.

Ich tanz einfach beim Performen mit den Leuten mit und drück auf die Knöpfe, je nachdem, wo die Energie gerade hinzieht.
03 / IM GESPRÄCH

Ein Set entsteht zwischen den Menschen.

GehLekTek steht mit seinem Board in einem nächtlichen, gefliesten Treppenaufgang.
Foto: © Lena Hummelsberger · SCENE:ID Bildgestaltung

Wenn du mit deiner Musik live spielst: Was lässt du bewusst offen, damit der Abend noch eine andere Richtung nehmen kann? Erinnerst du dich an einen Moment, in dem das Publikum dich auf eine Idee gebracht hat, die später im Studio geblieben ist?

Ich möchte bei meinen Livesets möglichst die Balance zwischen individueller Anpassbarkeit und Wiedererkennbarkeit treffen. Es soll ein komplett eigens auf die Live-Nutzung angepasstes Gebilde sein, das aber dennoch die Melodien und Motive diverser Lieblingstracks enthält. Deswegen gibt’s von fast jedem Track von mir eine alternative Live-Version, die aus aufs Wesentliche heruntergebrochenen und möglichst gut veränderbaren Loops besteht.

Was ich vor allem offenlasse und was den größten energetischen Unterschied mit sich bringt, ist die Häufigkeit der Breaks beziehungsweise wie lange Kick und Bass durchgehend rennen. Je „raviger“ die Veranstaltung ist, zum Beispiel auf Free Parties, desto länger rennt meistens einfach durchgehend die Kick. Dadurch entsteht eine hypnotischere und tranceinduzierende Wirkung – gut, um sich fallen zu lassen. In kleineren Clubs und kürzeren Sets gibt’s dafür mehr Breaks, Buildups und „flashige“ Momente, was dann für mehr Vollgas und Auspowern sorgt.

Bei allen Sets spiel ich aus demselben Katalog. Aber welche Parts ich vielleicht überspringe, wie lange ich welche spiele und wie ich die einzelnen Parts arrangiere, entscheide ich immer komplett im Moment. Das geschieht eigentlich nicht einmal wirklich bewusst: Ich tanz einfach beim Performen mit den Leuten mit und drück auf die Knöpfe, je nachdem, wo die Energie gerade hinzieht. Dabei entsteht wie von selbst je nach Ort, Tageszeit, Dauer und Stimmung ein komplett eigenes Set.

Oft entstanden auch durchs „Verdrücken“ Momente, die ich später tatsächlich in neuen Tracks umsetzte und die dann wieder abgeändert ins Liveset zurückfanden. Alles ist ein ineinandergreifender, nie aufhörender Prozess.

Eine kurze Anekdote hierzu: Letzten Sommer hab ich ein Liveset auf einem tschechischen Teknival gespielt. Als ich bei der Live-Version meines Tracks „Shiko“ angelangt war, ging im Break hinter mir ein Partygast durch, der die Melodie von DJ-Arnes Track „Assimilation“ sang. Wer mein neueres Liveset kennt, weiß, dass ich momentan gern ein Mashup aus „Shiko“ und „Assimilation“ spiele. Das wurde genau von diesem Moment inspiriert.

04 / IM GESPRÄCH

Eine Kick mit eigener Stimmung.

Mit dem GehLekKickPack gibst du anderen Produzent*innen eigene Kicks zum Weiterarbeiten. Woran erkennst du für dich einen wirklich guten Kick – und wie verändert sich dein Blick darauf, wenn der Sound auch in fremden Tracks funktionieren soll?

Alle Kicks im Sample-Pack stammen aus Tracks, die ich entweder als GehLekTek oder in einem Side-Project produziert habe. Teilweise sind es Kicks aus veröffentlichten Tracks, teilweise aus unfertigen Sachen.

Da ich meine Kicks immer selber produziere, ändert sich ihr Sound im Verlauf der Produktion oft drastisch und geht durch eine sehr lange Trial-and-Error-Phase. Gerade im Tekno kann man einer Kick extrem viel Klangfarbe mitgeben, weswegen ich Kicks mit komplexerer Textur sehr gern mag.

Eine Kick ist für mich dann gut, wenn sie die Stimmung für den restlichen Track fast schon vorgibt. Im Sample-Pack sind also Sounds, die auf jeden Fall in meinen Tracks funktioniert haben. Ich denke, wer meine Musik gerne hört und deswegen zu meinem Sample-Pack greift, wird auch guten Nutzen daraus ziehen können.

05 / IM GESPRÄCH

Was aus Begegnungen wächst.

Elli und Christoph von CATS.R.qL haben uns von ihrer Zusammenarbeit mit dir erzählt und dich für dieses Gespräch empfohlen. Welche Begegnungen oder gemeinsamen Projekte haben dir auf deinem Weg besonders geholfen? Was entsteht aus solchen Verbindungen über einen einzelnen Auftritt oder Release hinaus?

Ich fang mal ganz am Anfang an: Ohne VazDaz und TakaTuka wär ich nicht einmal auf die Idee gekommen, Tekno zu produzieren. Der kreative Austausch mit den zweien und die Einblicke in ihre Herangehensweise waren gerade, als ich die ersten paar Tracks als GehLekTek veröffentlichte, meine größte Inspirationsquelle.

Dass die Jahre später veröffentlichte Collab mit TakaTuka, „Shiko“, mein mit Abstand erfolgreichster Track bis jetzt ist, schließt diesen Kreis für mich wunderbar. Unsere Arbeitsweisen harmonieren sehr gut, weil unser Chaos jeweils gut ineinanderpasst. Dadurch haben die b2b-Sets auch immer sehr gut geklappt.

In weiterer Folge lernte ich für meine erste Collab die Leute von FTS kennen, insbesondere DokTek und Gönnhard. Dadurch konnte ich dann bei Arythmia 2018 zum ersten Mal eine meiner Kicks über eine richtige „Boxenwand“ hören. Über diese Bekanntschaft wusste ich relativ schnell, dass die Wiener Szene sehr gut vernetzt ist und sich jeder irgendwo gegenseitig kennt.

Das offenbarte sich auch durch meine ersten Auftritte im fluc, die über eine Empfehlung von FTS zustande kamen. Mein erster Auftritt dort wäre am ersten Wochenende des ersten COVID-Lockdowns gewesen, bei einer Veranstaltung von FTS. Stattdessen spielte ich zwei Jahre darauf im Juli dann wirklich zum ersten Mal dort.

Schließlich kam vor ein paar Jahren die Bekanntschaft mit Elli und Christoph zustande. Phat Otiz war davor schon ein Künstler, den ich lange verfolgt hab und bei dem ich mir immer gedacht hab, dass der Erfolg nur eine Frage der Zeit ist. Dass Chris jetzt so durch die Decke geht, wundert mich also nicht. Seine Produktionen sind wahnsinnig stimmig und inspirieren mich immer sehr.

Die Stimmung unserer Musik ist gut vereinbar, was dazu führte, dass wir oft miteinander oder für dieselbe Veranstaltung gebucht werden. Durch häufige Backstage-Gespräche lernte man sich immer besser kennen, und die Zusammenarbeit beim Merch war dann sehr naheliegend.

Grundsätzlich muss ich sagen, dass die Teknoszene hier generell einen wunderbaren Austausch unter Artists ermöglicht. Ich gehe sehr regelmäßig mit frischen Perspektiven und Ideen aus Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Künstlern hinaus – sei es backstage oder zum Beispiel über Insta.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. © Lena Hummelsberger · SCENE:ID Bildgestaltung · CASSSEVEN NUMERIQUE · SCENE:ID Bildgestaltung