Gerald VDH — George Nebieridze
ID: Interview · Wien

GERALD
VDH.

Immer wieder neu.

Gerald VDH über MEAT Market, das Privileg des Heimspiels und Nächte, die mehr verlangen als den nächsten bekannten Track.

MEAT MARKET · MEAT RECORDINGS

Jeden Monat dieselben Menschen vor sich zu haben, macht das Auflegen nicht leichter. Für Gerald VDH beginnt genau dort die Arbeit: tiefer graben, Gewohntes anders hören, den Floor überraschen, ohne das Vertrauen zu verspielen. Aus einem Mangel an queeren Nächten mit musikalischem Anspruch wurde in Wien eine Praxis, die sich immer wieder neu beweisen muss.

Als DJ, Veranstalter von MEAT Market und Produzent hinter MEAT Recordings betrachtet Gerald VDH Musik, Publikum und Organisation als Teile derselben Arbeit. Seine Nächte bestehen nach eigener Aussage seit deutlich mehr als 15 Jahren. Das Album SNACKS erschien 2022; im Gespräch beschreibt er es als Ergebnis von zwei Jahrzehnten auf Tanzflächen.

Ein Mangel wird zum Motor.

Am Anfang stand kein ausgeklügelter Markenplan, sondern die Frage, wo er selbst ausgehen wollte. Auf Reisen erlebte Gerald queere Parties mit einer musikalischen Offenheit, die er in Wien vermisste. Diese Unzufriedenheit blieb nicht abstrakt. Sie wurde zum Anlass, eigene Nächte zu schaffen — und zu einer Haltung, an der er auch heute festhält. Seine Kritik an aktuellem Spaß-Techno ist dabei ausdrücklich seine persönliche Sicht.

Wenn du an die ersten MEAT-MARKET-Nächte zurückdenkst: Was wolltest du damals in Wien erleben, das dir beim Ausgehen gefehlt hat? Gibt es etwas aus diesen Anfängen, das dir heute noch genauso wichtig ist?

MEAT Market und alle anderen Events entstanden tatsächlich aus einem von mir sehr heftig empfundenen Mangel. Aus meiner Sicht gab es in Wien kaum queere Parties, die einen Schwerpunkt auf gute Musik hatten. Überall spielte es dieselben Songs. Ich war damals viel im Ausland und vor allem in großen Städten unterwegs. Ich erlebte dort Parties mit alternativer und hochwertiger Musik. Da ich immer schon nach dem Motto lebe: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" habe ich mich entschieden, diesen Mangel zu beseitigen.

Gerald VDH — George Nebieridze

Heute wäre es ohne unsere Parties ebenfalls wieder grau in grau. Techno-Parties sind heute oft ein Rummelplatz für TikTok-Süchtige, die Schlager-Techno feiern. Wir bleiben unserer Qualitäts-Linie treu. Auch unser Sound verändert sich. Aber eben nach vorne. Nicht rückwärts. Denn, und das ist mir sehr wichtig, der aktuell als "neu" empfundene Spaß-Techno klingt genau wie die Mucke, die ich 2002 nachts auf Radio NRJ bei der Heimfahrt im Taxi ertragen musste.

Das Heimspiel verlangt mehr.

Eine Residency lebt von Wiederkehr. Gerade deshalb darf sie sich musikalisch nicht im Wiederholen erschöpfen. Wer regelmäßig vor vertrauten Gesichtern spielt, kann auf gemeinsam gewachsene Erfahrungen bauen; zugleich hört dieses Publikum genauer hin. Gerald beschreibt das Heimspiel als ein Privileg, das Arbeit verlangt: neue Platten suchen und bekannte Wege verlassen, ohne den Kontakt zum Floor zu verlieren.

Resident sein heißt, Menschen immer wieder neu zu überzeugen.

Du spielst regelmäßig für Menschen, die deine Nächte schon länger begleiten. Was traust du dich vor diesem Publikum musikalisch, das du bei einem ersten Gastspiel vielleicht anders angehen würdest? Erzähl gern von einem Track oder einem Moment, der dich selbst überrascht hat.

Wenn du jeden Monat ein "Heimspiel" hast, dann musst du wesentlich mehr diggen, als wenn du von Club zu Club und von Stadt zu Stadt reist. Das habe ich ja auch hinter mir. Resident sein heißt, Menschen immer wieder neu zu überzeugen. Bewährtes, Altes und Neues zu präsentieren. Die Heads auf immer wieder neue Art zu unterhalten und sie auch zu fordern. Ein unfassbares Privileg, das ich seit vielen Jahren genießen darf. Danke an dieser Stelle an alle meine treuen Tänzer*innen. Without you I'm nothing at all.

Ein Team statt einer Abfolge von Gästen.

Die musikalische Linie entsteht bei F*cken Plus nicht nur durch einzelne Bookings. Gerald setzt auf Residents, die er lange beobachtet hat und die seine Nächte zunächst selbst besuchten. Unterschiedliche Sounds sollen nebeneinander bestehen können. Für ihn verbindet das Team die Fähigkeit, eine Tanzfläche zu unterhalten, mit dem Anspruch, sie herauszufordern. Auf dem zweiten Floor bekommen engagierte junge Crews Raum.

Wie wählst du die Gäste für eine F*cken-Plus-Nacht aus? Mich interessiert, was dich an jemandem neugierig macht und wie du entscheidest, wer musikalisch zusammenpasst – auch wenn die Sets unterschiedlich klingen.

Ich bin einer der wenigen Veranstalter in Wien, die hauptsächlich mit Resident DJs arbeiten. Aktuell sind das: Annika Stein, DJ Deadlift, Manu:ra, Violetta und ich. Ich habe diese Künstler:innen über Jahre verfolgt. Sie waren auch alle regelmäßig auf unseren Parties, bevor sie dann ins Team kamen. Alle davon haben ihren eigenen Sound. Alle davon sind technisch richtig gut. Keiner verlässt jemals den Bereich der qualitätsvollen Musik. Der Weg zwischen Unterhaltung und Anspruch ist immer schmal. Aber meine Residents haben das drauf.

Am zweiten Floor buchen wir Crews, die uns sympathisch sind. Vor allem junge und motivierte Leute, die viel Engagement zeigen. Es beeindruckt mich schon immer, wenn sich Menschen für Musik begeistern. Und das zieht mich magisch an. Wenn ich das Feuer der Leidenschaft für Musik spüre, dann macht mich das unfassbar happy.

Gerald VDH — George Nebieridze

Vertrauen ist auch Organisation.

Die Beziehung zum Publikum endet nicht am DJ-Pult. In Geralds Antwort geht es ebenso um Awareness, Einlass, Regeln, den Darkroom und die Zusammenarbeit mit der Location. Er sucht das Gespräch auf der Veranstaltung selbst. Dass aus solchen Begegnungen Veränderungen entstehen, ist für ihn Teil der laufenden Arbeit — ebenso wie die No-Photo-Policy, die die Nächte schützt und ihre Dokumentation bewusst begrenzt.

Deine Veranstaltungen sind eng mit der queeren Szene verbunden. Was braucht es aus deiner Erfahrung, damit Menschen sich dort willkommen fühlen und die Nacht auch mitgestalten können? Gab es eine Rückmeldung von Gästen, nach der du etwas verändert hast?

Wir sind nun deutlich über 15 Jahre am Start. Es hat sich unfassbar viel verändert und unsere Gäste sind die größte Quelle für die Spirale aus Feedback und Verbesserungen. Gerade in den letzten Monaten bewege ich mich viel unter den Besucher*innen und suche das Gespräch. Neben der Musik muss auch die Orga passen: Awareness, Selection, No-Photo-Policy, Kommunikation der Regeln im Vorfeld, Betreuung des Darkrooms, Zusammenarbeit mit der Location, usw.

Wir sind wirklich unermüdlich am Reinspüren, Neugestalten, Verbessern und Umsetzen.

Gerald VDH — George Nebieridze

Vom Tanzen zur Platte — und zurück.

Der Kreislauf führt weiter ins Studio. Was Gerald beim eigenen Ausgehen hört und erlebt, nimmt er in Sets und Produktionen mit. SNACKS, veröffentlicht am 10. Juni 2022 auf MEAT Recordings, bündelt diese Erfahrung als Album. Im Gespräch öffnet er auch den Blick auf Annika Steins geplantes erstes MEAT-Release: Ein gemeinsamer Track ist bereits entstanden; für die Pressung fehlt noch Geld. Einen Veröffentlichungstermin nennt er nicht.

Mit MEAT RECORDINGS bringst du auch Musik heraus. Gibt es einen Track oder eine Veröffentlichung, deren Idee aus einer Clubnacht entstanden ist? Wie wurde aus dem, was du auf dem Floor erlebt hast, etwas, das du selbst produzieren oder veröffentlichen wolltest?

All unsere Releases sind Pret-a-danser Releases. Musik für den Dancefloor. Und das ist ebenfalls eine Spirale. Immer, wenn ich selbst tanzen gehe, hole ich mir Inspiration für Tracks oder eben für das nächste Set. Mein erstes und einziges Album SNACKS ist das Ergebnis von 20 Jahren Tanzengehen.

Wir hoffen bald Annika's erstes Release auf MEAT zu droppen. Es fehlt uns noch ein bisserl Geld für die Pressung. Aber ich darf verraten: Das Ding ist eine Dampfwalze. Einen Track davon haben wir gemeinsam gemacht. Er schallert richtig gut. Haltet eure Augen also ruhig offen.

GERALD VDH · MEAT RECORDINGS · 2022SNACKSZwanzig Jahre Tanzfläche. Ein Album.

Fotografie: George Nebieridze