ID: INTERVIEW · AUSTRIA

Lina Kotzian.

Booking braucht Fingerspitzengefühl.

Lina Kotzian von Titan über Daten, Vertrauen und die Frage, wie junge Veranstalter den nächsten Schritt schaffen.

Lina Kotzian · Titan Vienna
Lina Kotzian · Titan Vienna · bereitgestellt von Lina Kotzian
Foto: Julie Brass

Ein Booking beginnt nicht erst mit der Zusage eines Artists. Datum, Kapazität und Budget müssen ebenso stimmen wie die Kommunikation zwischen den Beteiligten. Lina Kotzian erzählt, wie digitale Teams und Datenauswertung die Arbeit verändert haben – und warum persönlicher Kontakt dabei nicht an Bedeutung verliert.

Lina Kotzian ist CEO von Titan Vienna. Die Wiener Agentur arbeitet seit 1993 im elektronischen Booking, Eventmanagement und Music Consulting. Ihre Antworten auf unsere fünf Fragen erhielten wir am 2. November 2026.

01 / IM GESPRÄCH

Daten helfen. Vertrauen bleibt.

Titan arbeitet seit 1993 im elektronischen Booking. Welche Veränderung im Zusammenspiel zwischen Artists, Clubs und Veranstaltern prägt deine Arbeit heute besonders? Gibt es eine Situation, an der du das festmachen kannst?

Die Technologie oder Connectivity im Generellen hat die Zusammenarbeit in diesem Bereich sehr beeinflusst und auch verändert. Wenn man früher noch sehr einfach direkt mit den jeweiligen Künstlern Deals oder auch Details ausmachen konnte, läuft es jetzt immer digital mit mehreren Leuten des erweiterten Teams. Zum einen ist das ein Vorteil, da im Idealfall mehrere Leute auf das gleiche Ziel hinarbeiten; zum anderen macht es die Sache manchmal auch unnötig kompliziert. Diese Entwicklung finde ich positiv, denn rückwirkend betrachtet war diese Branche von einem hohen Verlustrisiko betroffen, da viele Entscheidungen einfach aus dem Bauch heraus getroffen wurden.

Ein gutes, aktuelles Beispiel dafür, wie die technologische Entwicklung auch unserer Branche enorm hilft, ist die durch AI unterstützte Datenauswertung. Diese bietet ein gutes Argument, Verhandlungen mit Künstlern auf tatsächlichen Fakten beruhen zu lassen und dadurch das Risiko eines finanziellen Verlusts enorm zu reduzieren.

Trotz allem muss man als Talentbuyer, Booker oder auch Veranstalter seine Hausaufgaben gemacht haben. Eines kann die AI nicht übernehmen: den nötigen Draht zur authentischen Kommunikation mit den jeweiligen Partnern finden. Das benötigt viel Fingerspitzengefühl. Aber genau daraus entstehen auch langfristige Partnerschaften, an denen alle Beteiligten verdienen und mit denen alle gemeinsam wachsen können.

02 / IM GESPRÄCH

Was eine gute Anfrage ausmacht

Wenn ein Veranstalter einen bestimmten Act buchen möchte: Was möchtest du zuerst über den Abend und sein Publikum wissen? Erzähl gern von einem Booking, bei dem gerade diese Gespräche den Unterschied gemacht haben.

Man erkennt ziemlich schnell, ob jemand professionell arbeitet oder nicht. Oft macht schon die erste E-Mail den Unterschied. Es beginnt bei den einfachen Hard Facts wie Datum und Veranstaltungsort. Dann kommen Kapazität, Budget, Ticketpreise, Finanzplan, Zusatzoptionen und Forderungen wie Gebietsschutz etc. dazu.

Bei den gefragten Künstlern ist es mittlerweile oft so, dass am Ende des Tages das Finanzangebot den Unterschied macht. Das macht es für kleinere Veranstalter auf Grassroots-Level schwieriger. Das ist schade, da sie auch unheimlich wichtig für das Bestehen einer Szene beziehungsweise einer Kultur sind.

Unsere Türen stehen immer offen, auch für neue, junge Talente und Ideen.
03 / IM GESPRÄCH

Professionalität und Menschlichkeit

Von Lina Kotzian für das Interview eingesandte Veranstaltungsaufnahme mit rotem Bühnenlicht.
Foto: Bereitgestellt von Lina Kotzian / Titan

Ihr arbeitet sowohl an Clubnächten als auch an größeren Shows. Was lässt sich von einer kleinen, gut funktionierenden Clubnacht lernen, das auch bei einer großen Produktion hilft?

Ich denke, es ist eher umgekehrt. Clubveranstalter können teilweise von der Professionalität der Festivals lernen. Von der kleinen, gut funktionierenden Clubnacht lässt sich vielleicht noch die Menschlichkeit lernen. Oft macht das gemeinsame Artist-Dinner vor der Veranstaltung den Unterschied, der persönliche Kontakt zum Veranstalter.

Aber auch das hat leider sehr nachgelassen. Die großen Festivals wissen oft besser, wie wichtig die Beziehung zum Künstler ist, und haben oft eigens besetzte Positionen dafür.

04 / IM GESPRÄCH

Erst zuhören, dann kuratieren

Zu eurer Arbeit gehören auch Musikkonzepte für Hotels und Marken. Wie findet ihr dabei eine musikalische Richtung, die zum Ort passt und zugleich den beteiligten Artists Raum für ihre eigene Handschrift lässt?

Das geschieht immer sehr eng im Austausch mit den jeweiligen Partnern. Eine tiefe Analyse und Vorgespräche sind dazu das Um und Auf.

05 / IM GESPRÄCH

Der nächste Schritt für die Szene

Wenn du auf die österreichische Szene schaust: Wo siehst du gerade Menschen oder Ideen, denen du gern mehr Möglichkeiten geben würdest? Und was könnte eine Agentur wie Titan konkret dazu beitragen?

Aktuell tut sich die Szene hier ein wenig schwer, und das, obwohl wir durch unsere geographische Lage ein spannender Markt sind. Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn – für viele war Österreich eine Anlaufstelle, um qualitativ hochwertige, außergewöhnliche Veranstaltungen zu besuchen. Mittlerweile arbeiten wir aufgrund der fehlenden Szene hier hauptsächlich mit Kunden aus dem Ausland.

Aber es gibt auch in Österreich einige sehr fleißige, junge Veranstalter, die es geschafft haben, mit geringen Mitteln Communities aufzubauen. Wichtig ist dann immer der nächste Schritt: Wie schaffe ich es von einem nationalen Veranstalter zum internationalen Player? Wir unterstützen viele davon. Oft in beratender Funktion oder auch in ausübender Funktion, wenn ein etwas teurerer Künstler gebucht werden soll, an den man ohne Referenzen nicht so leicht herankommt.

Viele der österreichischen Clubs und Festivals – bestehend oder auch nicht mehr bestehend – haben wir durch unsere Booking-Strategie und auch die Durchführung der Bookings aufgebaut, ihnen zu Image und Weiterleben verholfen. Das wird dann oft zum Selbstläufer. Aber man freut sich, wenn man zurückblickt und sieht, was man mit aufgebaut hat. Unsere Türen stehen immer offen, auch für neue, junge Talente und Ideen.

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Lina Kotzian

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Julie Brass · Bereitgestellt von Lina Kotzian / Titan