ID: INTERVIEW · AUSTRIA

LINZ FMR.

Wenn der Stadtraum klingt.

Thomas Philipp über Klang im Schlossbergstollen, elektronische Nächte ohne Zaun und die Verbindung von Kunst und öffentlichem Raum.

Im Gespräch mit Thomas Philipp · LINZ FMR
Jakob Dietrich und Thomas Philipp bei der Eröffnung von FMR 26. Foto: Elias Dietrich.
Foto: Elias Dietrich · Jakob Dietrich & Thomas Philipp · FMR 26

Orgelpfeifen im Stollen, Bruckner am Burgtor, harte elektronische Musik über den Dächern von Linz: FMR 26 machte den Schlossberg auf unterschiedliche Weise hörbar. Thomas „Fips“ Philipp erzählt, wie Kunst und Ort zusammenfinden, warum qujOchÖ sein Musikprogramm eigenständig kuratiert und was passiert, wenn ein Festival ganz ohne Zugangsschwelle auf sein Publikum trifft.

LINZ FMR ist ein Festival für Kunst in digitalen Kontexten und öffentlichen Räumen. Die vierte Ausgabe fand vom 3. bis 7. Juni 2026 am Linzer Schlossberg statt. Thomas Philipp verantwortet gemeinsam mit Jakob Dietrich Gesamtleitung, Konzeption und Kuratierung. In diesem schriftlichen Gespräch im Oktober 2026 blickt er auf FMR 26 zurück und auf noch offene Möglichkeiten für 2028.

01 / IM GESPRÄCH

Klang unter dem Schlossberg

Axel Orozcos Klanginstallation „Deep Breath“ mit ausrangierten Orgelpfeifen im Schlossbergstollen.
Foto: Elias Dietrich · Axel Orozco, Deep Breath · Schlossbergstollen

Nach Donaulände, Mühlkreisbahnhof und Hafenviertel war FMR 26 am Schlossberg zu Gast. Was hat euch dort beim Vorbereiten überrascht? Erzähl gern von einer Arbeit, für die ihr vor Ort eine andere Lösung finden musstet als ursprünglich gedacht.

Der Schlossberg ist aus mehreren Gründen ein sehr interessanter Festivalort. Einerseits liegt er mitten in der Stadt, andererseits fühlt man sich dort fast wie in einer grünen Idylle, mit einem wunderbaren Blick über ganz Linz.

Besonders spannend waren für uns die unterschiedlichen Räume, die wir für Klangarbeiten nutzen konnten: etwa die Martinskirche, eine der ältesten Kirchen Österreichs, den Eingangsbereich des Schlossmuseums beim Rudolfstor oder auch das Innere des Schlossbergs selbst. Unter dem Schlossberg befindet sich nämlich ein kilometerlanges Stollensystem, das während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten angelegt wurde. Für uns war klar, dass wir uns auch mit diesem historisch belasteten Ort auseinandersetzen und dort eine Klangarbeit realisieren wollten.

Mehrere Installationen des Tangible Music Lab der Kunstuniversität Linz haben sich dann sehr sensibel mit diesem besonderen Raum beschäftigt, sowohl außerhalb als auch innerhalb des Stollensystems. Die Arbeit „Deep Breath“ von Axel Orozco griff etwa mit alten, ausrangierten Orgelpfeifen die innere Leere des Raums auf und machte den Stollen auf eine ganz eigene Weise erfahrbar.

Was wir allerdings unterschätzt hatten, waren die akustischen Bedingungen im Berg. Der Klang verhält sich in diesen langen Stollen völlig anders als in einem gewöhnlichen Raum. Er breitet sich anders aus, verliert sich teilweise und ist schwer zu kontrollieren. Das war bei der Umsetzung eine ziemliche Herausforderung, die wir letztlich aber sehr gut lösen konnten, nicht zuletzt aufgrund der langen Herumtüftelei und der vorhandenen Expertise der teilnehmenden Künstler:innen.

02 / IM GESPRÄCH

Eine Arbeit braucht ihren Ort

MAalex feat. Luigi Grande & Marta Perrone mit „Tutta Notte Buia“ in der Martinskirche Linz.
Foto: Elias Dietrich · MAalex feat. Luigi Grande & Marta Perrone, Tutta Notte Buia · Martinskirche

Bei „Klangfaltungen der Zeiten“ von Wolfgang Dorninger und den Arbeiten des Tangible Music Lab spielt das Hören eine wichtige Rolle. Kannst du uns an einem Beispiel erzählen, wie ihr den passenden Platz für eine Klangarbeit gefunden habt? Was musste dort zusammenpassen?

Grundsätzlich verfolgen wir bei LINZ FMR einen kuratorischen Ansatz, bei dem wir zunächst unterschiedliche Orte identifizieren, die für bestimmte künstlerische Arbeiten interessant sein könnten. Gemeinsam mit den Künstler:innen nähern wir uns dann den verschiedenen Möglichkeiten an. Dabei spielen natürlich Fragen der technischen Umsetzbarkeit und der Produktion eine Rolle. Entscheidend ist für uns aber immer die konzeptuelle Verbindung zwischen einer Arbeit und dem jeweiligen Ort.

Bei Wolfgang Dorningers „Klangfaltungen der Zeiten“ war relativ schnell klar, dass das Rudolfstor ein geeigneter Ort sein könnte. Die Arbeit besteht aus mehreren Teilen und ist Teil eines größeren Projekts, dessen Aufführung für 2027 vorgesehen ist. Bei FMR 26 haben wir gewissermaßen einen kleinen Vorgeschmack darauf präsentiert.

Das Rudolfstor bildet einen markanten Eingangsbereich zum Schlossmuseum und zum dahinter liegenden Schlosspark. Dorningers Arbeit basiert auf der elektronischen Bearbeitung einer sehr voluminösen klassischen Musik: ein verlangsamter Remix unter Einbeziehung von Teilen der Originalpartitur von Anton Bruckners „8. Sinfonie c-Moll“. Uns hat die Vorstellung gereizt, dass diese mächtigen Klänge die Besucher:innen beim Durchschreiten des Tores empfangen – fast so, als würde man in früheren Jahrhunderten durch ein Burgtor in einen herrschaftlichen Hof einziehen.

Die Architektur des Ortes und die Monumentalität der Musik haben sich hier auf eine sehr schöne Weise ergänzt. Genau um solche Beziehungen zwischen künstlerischer Arbeit und öffentlichem Raum geht es uns bei LINZ FMR.

Entscheidend ist für uns aber immer die konzeptuelle Verbindung zwischen einer Arbeit und dem jeweiligen Ort.
03 / IM GESPRÄCH

Ein Programm mit eigener Handschrift

Apex Anima und FRZNTE bei der Concert Night im Schlosspark, fotografiert von der Bühne.
Foto: Elias Dietrich · Apex Anima & FRZNTE · Schlosspark

Die beiden Musikabende im Schlosspark wurden von qujOchÖ kuratiert. Wie entwickelt ihr gemeinsam so ein Programm? Was hat euch etwa an der Verbindung von Apex Anima & FRZNTE, Camilla Sparksss und DJ Terror gereizt?

Zwischen qujOchÖ und LINZ FMR gibt es enge persönliche und personelle Verbindungen. Wichtig ist aber, dass qujOchÖ das musikalische Programm für den Eröffnungsabend und für die Concert Night eigenständig kuratiert.

Eine besondere Herausforderung ist dabei natürlich der öffentliche Raum. In diesem Fall fanden die Konzerte im Schlosspark statt, unmittelbar vor den historischen Schlossmauern. qujOchÖ hat eine mittlerweile über 25-jährige Tradition in der Veranstaltung experimenteller elektronischer Musik, mit einer besonderen Affinität zu Noise, Breakcore und Lo-Fi. Die Acts der beiden Abende fügen sich gut in diese Tradition ein.

Das Programm entsteht auf unterschiedlichen Wegen: durch langjährige persönliche Kontakte zu Künstler:innen, aber auch über Booking-Agenturen. Bei Camilla Sparksss ergab sich beispielsweise die Gelegenheit, sie im Rahmen ihrer Europatournee auf dem Weg von Deutschland nach Italien nach Linz zu holen.

Bei Apex Anima und FRZNTE kommt hinzu, dass Apex Anima bereits bei FMR 21 am Mühlkreisbahnhof mit einer eigenen medienkünstlerischen Arbeit vertreten war. Ihre gemeinsame Performance mit FRZNTE eignete sich darüber hinaus besonders gut für eine Aufführung im öffentlichen Raum.

Und DJ Terror ist eine Künstlerin, die wir bei qujOchÖ schon mehrfach gebucht haben. Sie passte wunderbar zu diesem besonderen Ort und zu einer lauen Juninacht im Schlosspark. Das hatte durchaus etwas von einem Rave früherer Zeiten, mitten in dieser grünen Idylle über den Dächern von Linz.

04 / IM GESPRÄCH

Kein Zaun dazwischen

DJ Terror beim Set im Schlosspark vor dem Publikum in der Abenddämmerung.
Foto: Elias Dietrich · DJ Terror · Schlosspark

Am Schlossberg begegnen euch auch Menschen, die gar nicht wegen eines Medienkunstfestivals gekommen sind. Gab es bei FMR 26 eine Reaktion oder ein Gespräch, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist – vielleicht, weil jemand etwas ganz anderes gehört oder gesehen hat als ihr selbst?

LINZ FMR findet ja bewusst im öffentlichen Raum statt, bei freiem Eintritt und ohne Zugangsbeschränkungen. Es gibt keinen Zaun, über den man erst klettern muss. Das Festival ist vielmehr so angelegt, dass alle, die sich durch diesen öffentlichen Raum bewegen, mit Medienkunst in Berührung kommen – sei es nur im Vorbeigehen oder indem sie sich intensiver auf eine Arbeit einlassen.

Entsprechend vielfältig sind natürlich auch die Reaktionen. Das betrifft einzelne künstlerische Arbeiten genauso wie beispielsweise die Concert Night, die mitten in der Stadt, aber gleichzeitig im Grünen, unmittelbar vor den alten Schlossmauern stattfand. Wenn dort spätabends noch harte elektronische Musik von DJ Terror durch den Schlosspark dröhnt, ist das schon eine ziemlich besondere Situation.

Da kommt es dann auch zu Begegnungen, die einem in Erinnerung bleiben. Beispielsweise mit einem jungen Mann, der völlig begeistert auf uns zukam und fragte: „Boah, wie arg ist das bitte? Wie oft findet denn das statt?“

Als wir ihm erklärten, dass FMR eine Biennale ist und nur alle zwei Jahre stattfindet, hatte er dann ein paar Tränen in den Augen ;-)

05 / IM GESPRÄCH

Was sich verflüchtigt. Was bleibt.

Camilla Sparksss bei der Concert Night im Schlosspark, Publikum vor den historischen Mauern.
Foto: Elias Dietrich · Camilla Sparksss · Schlosspark

Was bleibt zwischen zwei FMR-Ausgaben in Bewegung? Gibt es eine Zusammenarbeit aus diesem Jahr, die ihr gern fortsetzen würdet, oder eine Idee für Musik und öffentliche Räume in Linz, die euch gerade besonders beschäftigt?

LINZ FMR ist grundsätzlich so angelegt, dass das Festival für einige Tage in der Stadt auftaucht und sich danach wieder verflüchtigt. Das Ephemere steckt ja bereits im Namen. Trotzdem gibt es Kooperationen, die sich über die einzelnen Festivalausgaben hinweg bewähren und weiterentwickeln. Das gilt insbesondere für die Zusammenarbeit zwischen den Gründungspartner:innen, der Kunstuniversität Linz, der Medienkulturinitiative servus.at, dem Kunstkollektiv qujOchÖ und dem Atelierhaus Salzamt. Gleichzeitig versuchen wir bei jeder Ausgabe, neue Kooperationen mit Akteur:innen vor Ort einzugehen. Das reicht von großen Institutionen wie dem Schlossmuseum des Landes Oberösterreich bis hin zu kleinen Beisln und Tschocherln.

Klang spielt bei jeder Festivalausgabe eine wichtige Rolle. Einerseits in Form von Soundarbeiten innerhalb der Ausstellung im öffentlichen Raum, andererseits bei den Konzerten am Eröffnungsabend und bei der Concert Night, die sich vor allem experimenteller elektronischer Musik widmen. Beides ist eng mit dem jeweiligen Festivalort verbunden, der ja bei jeder Ausgabe wechselt.

Für das nächste FMR Festival im Juni 2028 diskutieren wir derzeit drei mögliche Orte: den Winterhafen, das Parkbad mit der Eishalle und – unser derzeitiger Favorit – den kleinen Flugplatz im östlichen Linzer Hafengebiet. Gerade der Flugplatz würde uns ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Wir könnten ein Festival entwickeln, das sich weniger am Boden, sondern vor allem darüber, im Luftraum, abspielt. Das wäre natürlich auch für Klangarbeiten besonders reizvoll. Man denke nur an Motoren- und Rotorengeräusche, Überschallknalle oder ganz allgemein an die vielfältigen akustischen Phänomene, die mit Fliegen, Höhe und Bewegung verbunden sind. Da ließen sich sehr spannende künstlerische Konzepte entwickeln.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Elias Dietrich · Jakob Dietrich & Thomas Philipp · FMR 26 · Elias Dietrich · MAalex feat. Luigi Grande & Marta Perrone, Tutta Notte Buia · Martinskirche · Elias Dietrich · Axel Orozco, Deep Breath · Schlossbergstollen · Elias Dietrich · Apex Anima & FRZNTE · Schlosspark · Elias Dietrich · Camilla Sparksss · Schlosspark · Elias Dietrich · DJ Terror · Schlosspark