Manufracture Music
ID: Interview · Wien

VALERIANSTEEL.

Die Maschine darf widersprechen.

Valerian Steel über Manufracture Music, analoge Eigenheiten und A.C.I. — Analog Core Industrial als Arbeitsweise und künstlerische Haltung.

MANUFRACTURE MUSIC · A.C.I.

Ein Klang passt nicht ins aktuelle Projekt. Valerian Steel speichert ihn trotzdem. Die Maschine hat etwas ausgespuckt, das sich nicht planen ließ — und genau darin beginnt für ihn die nächste Möglichkeit. Bei Manufracture Music ist Reibung kein Rest, den man am Ende entfernt. Sie gehört zum Komponieren.

Valerian arbeitet in Wien zwischen Industrial, EBM und Darkwave. Neben Manufracture Music verfolgt er Music of Synergia und Fortyfication*5; mit Enzo entstanden unter anderem Ghosts und weitere Veröffentlichungen. System Apathy ist für den 20. Oktober 2026 angekündigt. Im Gespräch geht es um musikalische Tiefe, Entscheidungen an den Geräten und einen Ansatz, den er A.C.I. nennt.

IM GESPRÄCH

Mehr als eine Bassline.

Klavier und Chor stehen in dieser Geschichte nicht für einen nostalgischen Gegenpol zur Elektronik. Valerian beschreibt sie als Grundlage seines Verständnisses von Struktur. Der raue Synthesizerklang soll Gewicht tragen: Harmonien, Reibung und Entwicklung gehören für ihn zusammen.

Du hast Klavier gespielt und im Chor gesungen; später kamen elektronische Projekte dazu. Was aus dieser frühen Zeit steckt heute noch in Manufracture Music, auch wenn man es zwischen Synthesizern und Drum-Machines vielleicht nicht sofort hört?

Eigentlich eine ganze Menge, vor allem was das musikalische Grundverständnis und den Sinn für Songstrukturen angeht. Mich langweilt es schlichtweg zu Tode, wenn EBM- und Postpunk-Tracks nur aus einer ewig gleichbleibenden analogen Bassline, einer Kick und einer Snare bestehen. Das ist mir einfach zu wenig. Ich war vor Kurzem erst auf einem Konzert eines recht bekannten Acts, und die Vorgruppe bestand im Grunde nur aus einem Typen mit Keyboard. Der hat sein Set völlig fantasielos runtergespielt – immer dieselbe stumpfe Bassline, ein paar minimale Rhythmusvariationen, nur der Text hat sich ab und zu geändert. Das ganze Publikum hat sich sichtlich gelangweilt. Da frage ich mich echt: Wer tut sich das an und welche Agenturen buchen sowas? Aber scheinbar gibt es im Mainstream dieser Szene durchaus Leute, die genau auf diese Monotonie stehen.

Mein Ansatz ist da ein anderer. Durch meine musikalische Prägung brauche ich mehr Tiefe. Ich liebe diesen dreckigen, rauen Klang von Synthesizern abgöttisch, aber für mich wird es erst richtig spannend im Zusammenspiel von Harmonien und gezielten Disharmonien. Die Maschinen sollen nicht einfach stur einen Takt durchprügeln, sondern ein echtes musikalisches Gewicht haben. Und noch etwas: Meine Tracks sind nicht so konzipiert, dass sie nach drei Sekunden direkt zum Höhepunkt kommen, nur um irgendwelche modernen Streaming-Aufmerksamkeitsspannen zu bedienen. Ich mache ganz bewusst Musik abseits dieses Fast-Food-Mainstreams – für Leute, die bereit sind, sich noch wirklich intensiv mit Musik auseinanderzusetzen und genau hinzuhören.

Die Maschinen sollen nicht einfach stur einen Takt durchprügeln, sondern ein echtes musikalisches Gewicht haben.
IM GESPRÄCH

Den Fehler behalten.

System Apathy führt diese Haltung an einem aktuellen Stück weiter. Auf der offiziellen Release-Seite nennt Valerian seine Synthesizer und Rhythmusmaschinen; im Interview erzählt er, was sich nicht in einer Geräteliste abbilden lässt: den Moment, in dem ein Zufall zum Material wird.

Valerian Steel in seinem Studio

Am 20. Oktober erscheint „System Apathy“. Du schreibst, dass die Eigenheiten und Grenzen deiner Geräte Teil der Komposition werden. Kannst du uns einen Moment aus der Arbeit an diesem Stück erzählen, in dem ein Gerät etwas anderes gemacht hat als geplant – und du genau das behalten hast?

An neuen Tracks zu schrauben, ist für mich immer auch ein Ausprobieren und Experimentieren. Da muss man echt aufpassen, dass man sich im Studio nicht komplett verliert. Du hängst über den Synths, schraubst an den Filtern herum, und plötzlich spuckt die Maschine durch irgendeinen Zufall einen so geilen, rauen Sound aus, den du so niemals hättest planen können. Sowas speichere ich sofort ab, auch wenn es gerade null ins Projekt passt. Genau diese Momente – wenn die Geräte anfangen, ein Eigenleben zu entwickeln und scheinbar "Fehler" machen – lasse ich bei Stücken wie "System Apathy" ganz bewusst als Stilmittel stehen, anstatt alles aalglatt zu bügeln.

Für mich hat ein dreckiger Synth-Sound einfach oft noch viel mehr Tiefe als ein klassischer Klavierklang. In einer massiven analogen Fläche kannst du komplett versinken und dich in andere Welten schießen. Klar, beim Klavier kannst du dir überlegen, ob du pianissimo, fortissimo oder staccato spielst oder Alterationen in die Melodien bringst. Aber bei einem Synth hast du allein über den MIDI-Standard 128 Parameter, um den Klang komplett zu verbiegen und zu formen. Da bist du mit einem akustischen Instrument einfach recht limitiert. Ich brauche dieses riesige klangliche Potenzial, um genau die Atmosphäre zu erschaffen, die ich im Kopf habe. Mich würde es langweilen, irgendwelche vorgefertigten MIDI-Files zu ziehen um damit am Rechner stumpf irgendwelche Software-Plug-ins anzusteuern. Bei mir wird noch selbst Hand angelegt, komponiert und das Potenzial der Hardware ausgereizt.

System Apathy · 20. Oktober 2026
ANALOG CORE INDUSTRIAL

A.C.I. — vom Klang zur Haltung.

Analog Core Industrial ist Valerians eigener Begriff. Er verbindet damit die Arbeit am physischen Instrument, das bewusste Behalten von Eigenheiten und einen Widerspruch zwischen analog erzeugter Musik und KI-generierten Bildern. Das Manifest The Scene Lies veröffentlichte er am 14. August 2026. Wie er diese Spannung politisch und persönlich versteht, führt er am Ende des Gesprächs aus.

HAND

Am Instrument komponieren.

REIBUNG

Eigenheiten stehen lassen.

HALTUNG

Der Widerspruch wird sichtbar.

The Scene Lies · A.C.I. Manifesto
IM GESPRÄCH

Der Sound kennt die Richtung.

Drei Projekte bedeuten für Valerian drei unterschiedliche klangliche Welten. Entscheidend ist nicht erst der spätere Name auf dem Cover. Oft legt bereits der erste Sound fest, wohin die Idee gehört — auch wenn für die Umsetzung nicht immer sofort Zeit bleibt.

Valerian Steel an einer Betonfassade

Neben Manufracture Music machst du Music of Synergia und Fourtyfication*5. Wenn du im Studio eine neue Idee findest: Woran merkst du, zu welchem Projekt sie gehört? Gibt es auch Ideen, die unterwegs in einem ganz anderen Projekt landen?

Das ist eigentlich relativ einfach zu beantworten. Meistens entscheidet sich das schon ganz früh, direkt beim Tüfteln an einem neuen Klang. In dem Moment, wo ein Sound Gestalt annimmt, kommen mir die passenden Ideen und ich spüre instinktiv, für welches Projekt er gemacht ist.

Die drei Projekte sind stilistisch einfach komplett unterschiedlich und jede Richtung verlangt nach ihrer ganz eigenen Art von Sounds. "Music of Synergia" geht eher in eine cineastische Darkwave-Richtung mit starken Ambient-Einflüssen und arbeitet meistens mit einer Frauenstimme. "Fortyfication*5" baut dagegen viel mehr auf direkte, tanzbare Cyberpunk-Elemente. Weil diese klangliche DNA so verschieden ist, kommt es auch extrem selten vor, dass eine Idee unterwegs plötzlich in einem ganz anderen Projekt landet. Der Sound an sich gibt einfach schon die Route vor. Aktuell komme ich aus purem Zeitmangel leider viel zu selten dazu, an Fortyfication*5 zu arbeiten. Aber für das Projekt sammeln sich im Hintergrund schon eine ganze Menge Ideen an, die ich definitiv irgendwann umsetzen werde, sobald die Zeit dafür da ist.

IM GESPRÄCH

Eine Stimme verändert alles.

Ein fertiges Arrangement ist noch kein Schlussstrich. Bei Ghosts gab Enzos Stimme dem Stück nach der Aufnahme eine neue Richtung. Die Veröffentlichung vom 25. Mai 2025 steht so auch für die Bereitschaft, bereits erledigte Arbeit noch einmal aufzubrechen.

Auf mehreren Veröffentlichungen arbeitest du mit Enzo. Wie entsteht bei euch ein Stück: Schickst du ihm bereits fertige Musik oder verändert seine Stimme auch noch dein Arrangement? Erzähl gern von einer Zusammenarbeit, bei der etwas Unerwartetes daraus geworden ist.

Enzos Stimme ist für mich einfach außerordentlich. Wenn wir zusammenarbeiten, weiß er im Vorhinein schon ziemlich genau, worauf er sich einlässt, und singt das dann bei mir im Studio ein. Grundsätzlich habe ich vorher schon sehr konkrete Vorstellungen vom Track. Aber eine Stimme und die Stimmung, die sie transportiert, können letztendlich oft dazu führen, dass man doch noch einiges anpasst. Das macht das Ganze am Ende meistens noch ausdrucksstärker, man bringt spontane Variationen rein und Enzo bringt da natürlich auch seine eigenen Ideen mit ein.

Ein gutes Beispiel für so eine unerwartete Wendung war die Arbeit an dem Song "Ghosts". Eigentlich hatte ich das instrumentale Arrangement schon komplett im Kasten. Aber als ich mir im Nachhinein Enzos eingesungene Vocals öfter mal solo angehört habe, kam mir plötzlich eine viel geilere Idee für eine noch passendere, stimmungsvollere Begleitung. Also habe ich kurzerhand fast alles noch mal komplett umgeschrieben. So ist das eben: Es ist ein dynamischer Schaffensprozess, bei dem man auch mal fertige Dinge wieder komplett umstoßen muss, wenn man nicht zu 100 Prozent zufrieden ist.

Ghosts feat. Enzo
IM GESPRÄCH

Ein eigener Kosmos.

Im Studio ist Eigenständigkeit für Valerian derzeit eine Voraussetzung. Er beschreibt das nicht als endgültige Absage an Zusammenarbeit. Ideen für gemeinsame Arbeit gibt es — Namen nennt er noch nicht.

Valerian Steel vor einer bemalten Wand

Du machst deine Musik in Wien. Wo findet für dich der Austausch mit anderen Musikerinnen und Musikern statt – und mit wem würdest du gern einmal gemeinsam im Studio etwas ausprobieren?

Was den Austausch angeht: Im echten Leben bin ich eigentlich ein absoluter Teamplayer. Aber wenn es um meine Musik geht, habe ich aktuell einfach sehr kompromisslose eigene Vorstellungen, die ich genau so durchsetzen und hörbar machen will. Deshalb bewege ich mich beim Produzieren momentan noch sehr in meinem eigenen Kosmos. Das heißt aber keinesfalls, dass sich in der Richtung nicht mal was ergibt – jedes Tun hat seine Zeit. Und ja, es gibt da definitiv einige großartige Künstler, egal ob namhaft oder noch völlig unbekannt, mit denen ich unglaublich gerne mal im Studio an den Maschinen stehen würde. Da schwirren auch schon ein paar konkrete Ideen in meinem Kopf herum... aber wer das genau ist, das behalte ich vorerst noch für mich. Dazu gibt es zu gegebener Zeit vielleicht an anderer Stelle mal mehr...

IM GESPRÄCH

Das Manifest bleibt unbequem.

Valerian wollte zum Schluss Raum für seine Gedanken. Hier spricht er über den Widerspruch, den er mit A.C.I. sichtbar machen will: Musik von Hand, generierte Bilder als Provokation. Die folgenden Aussagen sind seine persönliche Position; die von ihm genannten KI-Erkennungswerte wurden von SCENE:ID nicht unabhängig bestätigt.

Da du mir den Raum für eigene Gedanken gibst, hier noch ein Punkt, der mir extrem wichtig ist und meinen "Analog-Core-Industrial"-Ansatz definiert. Wir müssen der Wahrheit ins Auge sehen: KI steuert uns längst alle. Sie hat sich zu einer echten Gefahr für die Menschheit entwickelt, und wir müssen endlich anfangen, verantwortungsvoll mit dieser Technologie umzugehen! Die Büchse der Pandora ist weit offen, und die Sache entgleitet uns gerade komplett – bis hin zu Leuten, die ihre Wahlentscheidungen auf algorithmisch verbreiteten KI-Lügen aufbauen. Genau deshalb produziere ich meine Musik komplett analog, kombiniere das aber ganz bewusst mit diesen "KI-Slop-Videos". Das ist mein künstlerischer Mittelfinger gegen diesen unreflektierten KI-Wahn.

Nehmen wir als Beispiel mal die EBM-Szene: Mir ist es ehrlich gesagt gar nicht wichtig, ob sich diese ewiggestrigen EBM- und Gothic-Puristen meine Musik überhaupt anhören. Was sie aber dringend ablegen sollten, ist ihre unfassbare Doppelmoral. Da geben mir diese Leute doch allen Ernstes zu verstehen, dass absolut alles , was auch nur im Entferntesten mit KI zu tun hat, grundlegend böse, schlecht und verwerflich ist. Und jetzt kommt die pure Realsatire: Sie tippen mir exakt diese moralischen Belehrungen auf Plattformen wie Reddit – also in Netzwerken, die bis in den letzten Code-Schnipsel nachweislich massiv von Algorithmen und KI gesteuert werden! Die checken gar nicht mehr, wie sehr sie selbst längst blind im Griff der Maschinen sind, vor denen sie mich warnen wollen! Wie zynisch ist das bitte?

Und es wird noch absurder: Dort bejubelt diese Meute dann die neuen Releases von großen, bekannten Bands der Szene. Ich habe deren Kram mal testweise durch eine KI-Erkennung laufen lassen – das Ergebnis war teilweise zu über 90 % KI-generiert. Deren Musik als auch Videos! Diese Leute feiern also völlig blind den puren Fake, aber stürzen sich auf jemanden, der offen und ehrlich sagt: "Ja, ich nutze KI-Videos ganz bewusst als künstlerisches Stilmittel und Protest." Wer diese Meta-Ebene nicht kapiert, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Genau diese Thematik und meinen direkten Angriff auf diese Heuchler habe ich übrigens auch auf meinem Bandcamp-Release unmissverständlich formuliert – ein Punkt, den ja glücklicherweise auch das Side-Line Magazine (https://www.side-line.com/manufracture-music-the-scene-lies/) in seinem Bericht über mich schon aufgegriffen und treffend verlinkt hat.

Jeder ernst zu nehmende Künstler transportiert auch eine Botschaft mit seiner Arbeit. Es geht mir nicht darum, jedem zu gefallen, sondern mir darum, diesen Irrsinn aufzuzeigen und mit meiner Kunst den Finger genau in diese gefährliche Heuchelei zu legen.

WEITERHÖREN

System Apathy

Angekündigt für den 20. Oktober 2026.