ID: INTERVIEW · AUSTRIA

Masha Dabelka.

Den eigenen Ohren vertrauen.

Masha Dabelka über drei Plattenspieler, die Schönheit von Fehlern und den eigenen Weg in der Wiener Szene.

Im Gespräch mit Masha Dabelka
Masha Dabelka mit Schallplatten und Plattenspieler · Dasha Fedorova & Sanya Brazgovka
Foto: © Dasha Fedorova & Sanya Brazgovka · SCENE:ID Farbgestaltung

Drei Plattenspieler sind für Masha Dabelka vor allem eines: eine Herausforderung, die Spaß macht. Die in Wien lebende DJ und Produzentin braucht beim Auflegen keine zusätzlichen Effekte, wenn eine Platte bereits alles mitbringt. In ihrer DJ-Schule Turntablista geht es zugleich darum, die eigenen Ohren ernst zu nehmen und Unvollkommenheit zuzulassen. Wir sprechen über das Lernen in beide Richtungen, den reduzierten Blick auf einen eigenen Track und darüber, wie viel Arbeit neben der Musik nötig ist, um in einer Szene Fuß zu fassen.

Masha Dabelka arbeitet als DJ, Produzentin und Lehrerin in Wien und gründete die DJ-Schule für Frauen Turntablista. Ihre EP „Dolphins In China“ erschien am 7. März 2025 bei Fortunea und enthält den Moff-&-Tarkin-Remix von „Reverie“. Das Gespräch entstand per E-Mail im Oktober 2026.

01 / IM GESPRÄCH

Drei Platten, purer Spaß.

Masha Dabelka bei der Plattenauswahl während eines DJ-Sets
Foto: © Marko Mestrovic · SCENE:ID Farbgestaltung

Du arbeitest mit drei Plattenspielern. Gibt es einen Moment in einem Set, in dem die dritte Platte für dich musikalisch wirklich etwas öffnet? Was hörst du dann, das dir mit zwei Decks fehlen würde?

Ja, das kommt schon vor. Aber wenn ich ehrlich bin, mache ich das vor allem, damit mir nicht langweilig wird. Es ist einfach purer Spaß oder eine Challenge. Wobei ich vielleicht generell jede Challenge als Spaß empfinde – da muss ich selbst kurz drüber nachdenken.

Ich glaube nicht, dass sich dadurch unbedingt neue musikalische Möglichkeiten oder eine andere Dimension eröffnen. Ich mag grundsätzlich eher einen puristischen Zugang zum DJing, ohne Special Effects und unnötigen Schnickschnack. In einem einzelnen Track, der mich wirklich interessiert, steckt meistens schon alles, was ich brauche. Und vielleicht stecke ich deshalb so viel Energie und Konzentration in die drei Plattenspieler, weil ich beim Auflegen normalerweise gar nicht tanze. Manchmal sehe ich hinter den Decks wohl sogar so aus, dass Leute zu mir kommen und fragen, ob bei mir alles in Ordnung ist.

02 / IM GESPRÄCH

Fehler gehören dazu.

Eine Hand beim Spielen einer Vinylplatte am Plattenspieler
Foto: © Antonia Wechner · SCENE:ID Farbgestaltung

Bei Turntablista unterrichtest du sehr nah an der einzelnen Person. Woran merkst du, dass eine Schülerin nicht mehr nur einen Übergang hinbekommt, sondern anfängt, ihren eigenen musikalischen Entscheidungen zu vertrauen?

Ja, ich glaube sehr an individuellen Unterricht, weil wir hier lernen, ein Instrument zu spielen: die Turntables. Gerade am Anfang ist es völlig normal, sich erst einmal strikt an Anleitungen zu halten. Viele Menschen, die zu mir kommen, haben überhaupt keine musikalische Vorerfahrung. Wir lernen, die Musik zu zählen und starke und schwache Zählzeiten zu verstehen. In der Musik steckt generell viel Mathematik, aber darum geht es eben nicht allein.

Im Grunde bringe ich meinen Studierenden bei, sich selbst und ihren Ohren zu vertrauen. Aber am meisten liebe ich Fehler, denn sie machen uns menschlich. Deshalb lege ich auch so viel Wert auf das Spielen mit Vinyl: Fehler lassen sich dabei nicht vermeiden, und genau das ist für mich etwas zutiefst Menschliches.

Ich glaube, dass Vertrauen in die eigenen Entscheidungen – auch in die musikalischen – dort entsteht, wo man lernt, sich selbst und seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren.

Letztendlich kann aus einem "Fehler" auch etwas Schönes entstehen. Aber wenn man zu verkopft ist, wird’s halt auch schwierig mit den schönen Dingen.

Aber am meisten liebe ich Fehler, denn sie machen uns menschlich.
03 / IM GESPRÄCH

Was beim Unterrichten zurückkommt.

Plattenspieler bei Turntablista
Foto: Archiv Masha Dabelka · SCENE:ID

Was hat dir zuletzt jemand im Unterricht gezeigt oder vorgespielt, das du selbst mit nach Hause genommen hast – für dein Auflegen oder deine eigene Musik?

Wenn mir ein Track gefällt, den eine meiner Schülerinnen spielt, frage ich natürlich danach und schreibe ihn mir auf.

Was ich aus meinem Unterricht aber auch oft mitnehme, ist Geduld. Ich hoffe, dass ich sie über die Jahre ein bisschen entwickeln konnte, denn eigentlich bin ich überhaupt kein geduldiger Mensch. Was mich wirklich inspiriert, sind übrigens nicht die talentierten Schüler*innen, sondern diejenigen, die sich wirklich Mühe geben und dranbleiben.

Aber vor allem nehme ich die Liebe zu meiner Arbeit und zu meinen Schülerinnen mit. Ich hoffe, dass man das auch in meiner Musik hören kann.

04 / IM GESPRÄCH

Ein anderer Blick auf „Reverie“.

Dolphins In China · Fortunea
Foto: Artwork: Fortunea · Dolphins In China

Auf deiner EP „Dolphins In China“ bei Fortunea steht neben deinen eigenen Stücken ein Remix von Moff & Tarkin. Was hast du durch seine Version an „Reverie“ neu gehört?

Ich habe eine richtig klassische Dub-Version meines Tracks gehört – ohne alles Überflüssige. Ich war allerdings überrascht, weil er als Solo-Künstler so emotionale Musik macht und der Remix dann so reduziert ausgefallen ist. Ich glaube, dass ich manchmal zu viele Melodien in einen Track packe. Deshalb freue ich mich, wenn mir jemand eine funktionalere Perspektive aufzeigt, die es einem erlaubt, endlich einfach mal zu tanzen.

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05 / IM GESPRÄCH

Einen eigenen Platz finden.

Masha Dabelka neben einem Plattenspieler
Foto: Archiv Masha Dabelka · SCENE:ID

Die Turntablista-Absolventinnen sind auch bei RES.RADIO zu hören. Was brauchen sie nach dem Unterricht, damit aus den ersten öffentlichen Sets eine eigene Praxis wird – und wo würdest du dir von der Wiener Szene mehr Unterstützung wünschen?

Für Auftritte bei RES.RADIO, meinem langjährigen und wunderbaren Radiopartner, brauchen meine Absolventinnen eigentlich nur eines: Lust darauf.

Wenn sie allerdings anfangen wollen, in Wien aufzulegen, reicht es leider oft nicht aus, einfach DJ zu sein. Man muss parallel auch auf andere Weise zur Szene beitragen: Partys organisieren, Kulturprojekte umsetzen, Streams machen, sich mit anderen zu Kollektiven zusammenschließen oder irgendetwas anderes auf die Beine stellen. Und all das lässt einem am Ende weniger Zeit für die Musik selbst. Das ist schon ziemlich paradox. Oder ich denke einfach wie ein eskapistischer Dinosaurier. Für die neue Generation von DJs ist Community vielleicht das Wichtigste, während es für mich die Musik ist. Ich verbringe so viel Zeit in meiner Schule mit meinen Schülerinnen, dass es für mich völlig normal ist, die restliche Zeit lieber allein zu verbringen – auf der Suche nach neuer Musik oder beim Produzieren eigener Tracks. Ich gehe schon auch auf Partys, aber eher selten.

Ich rate ihnen deshalb immer, in ihren eigenen musikalischen Geschmack zu investieren und nach Menschen zu suchen, die eine ähnliche musikalische Vision haben. Alleine ist es einfach verdammt schwierig.

Die Wiener Szene sollte meiner Meinung nach grundsätzlich offener für Andersartigkeit sein, mehr wagen und vor allem auch mal ein paar mehr Unbekannte in ihre kostbaren, geschlossenen Kreise lassen.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. © Dasha Fedorova & Sanya Brazgovka · SCENE:ID Farbgestaltung · © Marko Mestrovic · SCENE:ID Farbgestaltung · © Antonia Wechner · SCENE:ID Farbgestaltung · Archiv Masha Dabelka · SCENE:ID · Artwork: Fortunea · Dolphins In China