music unlimited 40.
Mit großen Ohren.
Wolfgang Wasserbauer über Freundschaften, Computer als Instrumente und den besonderen Spirit von music unlimited.
Wolfgang Wasserbauer · waschaecht
Eine Einladung kann der Anfang einer jahrzehntelangen Freundschaft sein. Ein Konzert kann sich durch seinen Raum verändern. Und ein neugieriges Publikum hört auch dort weiter, wo vertraute Kategorien aufhören. Zur 40. Ausgabe von music unlimited in Wels sprechen wir mit Wolfgang Wasserbauer von waschaecht über solche Begegnungen, die Zusammenarbeit mit Kuratorin Mariá Portugal und die Frage, was ein Festival nach so vielen Ausgaben lebendig hält. Die Ausgabe „The Navel of the Dream“ findet vom 5. bis 8. November 2026 statt.
music unlimited verbindet in Wels experimentelle Musik, freie Improvisation, Jazz und elektronische Ansätze. 2026 kuratiert Mariá Portugal die 40. Ausgabe. Auf der Bühne der Titelaufnahme ist sie am Schlagzeug zu sehen; unser Gesprächspartner ist Wolfgang Wasserbauer.
Wenn aus Einladungen Freundschaften werden
Wenn du an die bisherigen Ausgaben zurückdenkst: Welche Begegnung zwischen Musiker:innen ist dir besonders geblieben, weil daraus etwas entstanden ist, mit dem ihr selbst nicht gerechnet hattet? Erzähl gern, wie es dazu kam.
Es ist tatsächlich so, dass aus manchen Begegnungen mit Musiker:innen freundschaftliche Beziehungen entstehen. Als wir 1991 den britischen Gitarristen, Komponisten Fred Frith eingeladen hatten, um mehrere seiner Projekte zu präsentieren, wussten wir noch nicht, dass sich daraus enge Bande bis hin zu gegenseitigen Besuchen entwickeln würden.
Das ist über diese lange Zeit einige Male vorgekommen, am eindringlichsten mit den Leuten der niederländischen Band The Ex, die ja leider oft verkürzt als Punkband beschrieben wird. Zahlreiche Auftritte in den unterschiedlichsten Formationen waren die Folge, einige davon gehören zu den prägendsten Erinnerungen der unlimited-Geschichte.
Ein Programm mit Mariá Portugal

Dieses Jahr kuratiert Mariá Portugal das Programm. Wie arbeitet ihr mit ihr zusammen? Gab es einen Vorschlag, bei dem ihr als Veranstalter erst überlegen musstet, wie ihr ihn in Wels möglich machen könnt?
Die Zusammenarbeit mit Mariá Portugal hat sich recht organisch ergeben, auch daraus, dass wir von früheren Begegnungen her von ihren künstlerischen Begabungen und menschlichen Stärken überzeugt waren.
Eine Hauptherausforderung wurde im Zusammenhang mit ihrer lateinamerikanischen Herkunft die logische Folge, dass sie viele Projekte aus Südamerika nach Wels bringen wollte, was aber im Rahmen unserer finanziellen Realitäten nur beschränkt möglich war.
Engagements von sehr bekannten amerikanisch-brasilianischen Artists wie etwa Arto Lindsay oder Juana Molina scheiterten aber nur knapp und letztendlich eher nicht an monetären Schranken. Mit dem erstmaligen Auftritt des Quartetts von Marcelo Galter in Österreich sind wir jedenfalls mit den (finanziellen) Möglichkeiten an unsere Grenzen gestoßen.
Der ganz besondere Festival Spirit darf dadurch aber nicht verloren gehen, das ist ganz wichtig.
Was ein Raum mit Musik macht
Der Schlachthof, die Landesmusikschule und Schloss Puchberg bieten sehr unterschiedliche Räume. Erinnerst du dich an ein Konzert, das an einem dieser Orte eine ganz andere Wirkung hatte, als du erwartet hattest?
Dazu wäre zunächst zu erwähnen, dass wir bereits in etwa 10 unterschiedlichen Locations in der Stadt zu Gast gewesen sind, allesamt mit ihren charakteristischen Eigenheiten, vom sehr kleinen, feinen barocken Pavillon bis zum großen Stadttheater.
Die spezielle Atmosphäre, die das Schloss Puchberg hergibt, führt bei Musikerinnen und Publikum zu besonderen Auftritten, das lässt sich bestimmt behaupten. Ich erinnere mich sehr gerne zurück an eine Performance der neuseeländischen Pianistin Hermione Johnson, einer Meisterin des Umgangs mit Präparationen. Und "natürlich" an den letztjährigen, sehr speziellen Auftritt der französischen Saxophonistin Sakina Abdou.
In der Welser Landesmusikschule wiederum steht mit dem Fazioli Flügel ein ganz besonderes Instrument, auf dem beispielsweise der New Yorker Pianist John Blum ein außergewöhnlich intensives Konzert gespielt hat.
Und im Jahr 2024 trafen sich mit Han Bennink und Mette Rasmussen zwei Generationen (mit noch mindestens einer dazwischen) von herausragenden Musikerinnen zu einem gleichermaßen berührenden wie faszinierenden Auftritt.
Ein Publikum, das weiterhört

Im Programm stehen freie Improvisation, elektronische Musik und ganz unterschiedliche Bands nebeneinander. Wie erlebt ihr das Publikum dabei: Wann lassen sich Menschen auf etwas ein, für das sie ursprünglich gar nicht gekommen sind? Hast du eine konkrete Erinnerung daran?
Das unlimited-Festival ist ja bekannt dafür, dass die Besucherinnen mit Künstler:innen unterschiedlichster Genres konfrontiert werden. Zwischen neuer zeitgenössischer Musik und neuer elektronischer Musik, zwischen Country und Hiphop hat viel Platz und tatsächlich haben wir das alles hier erlebt und möglich gemacht.
Wir sind aber auch bekannt als Festival, das von neugierigen Menschen besucht wird, die nicht nur offenherzig, sondern wirklich mit großen Ohren ausgestattet sind, die sehr viel unterschiedliche Klänge vertragen. Der bildende Künstler Siegfried A. Fruhauf hat mal Folgendes geschrieben: „Bei diesem Festival schaut man über den Horizont des Bekannten, weil man das darüber hinaus Mögliche will", ein sehr schönes Zitat, wie ich meine .
Aber um bei obigem Beispiel zu bleiben: Viele Besucher:innen waren schon erstaunt, als sie plötzlich den Auftritt einer Band erlebten, die countryeske Willie Nelson Songs von sich gaben. Aber auch das hat funktioniert.
Wir hatten immer den Anspruch, möglichst am Puls der Zeit zu arbeiten und so ist selbstverständlich auch die elektronische Musik in unseren Programmen aufgetaucht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die ersten Versuche ausgesehen hatten, als erstmals Computer auf den Bühnen standen und Musiker einigermaßen riesige "Maschinen" bedient hatten und dabei recht ungewöhnliche Klänge produziert haben. Das ergab schon eine gewisse Irritation beim Publikum, auch Anfeindungen, "zu neu" sollten die Sounds scheinbar nun auch wieder nicht sein.
Wien hatte ja mit den Leuten rund um das Mego- und Charhizma Label schon tatsächlich super kreative Köpfe, die lässige Musik und auch Festivals aus der Taufe gehoben haben.
Später kam dann eine gewisse, meines Erachtens schon berechtigte Skepsis dazu, als sich Laptops als Musikinstrument durchgesetzt hatten, aber die performative Praxis nicht ganz mithalten konnte, um das mal so zu sagen. Ich habe einen Auftritt eines Laptop-Ensembles erlebt, bei dem manche der beteiligten Musiker:innen auf dem Boden rumgelegen sind und ab und zu mal in die Tastatur gegriffen haben. Oder solche, bei denen das Bühnensetting eher dem Anblick eines feschen Büros geglichen hat.
Aber alles in allem hat die elektronische Musik auch die kreativen Szenen des Jazz oder der improvisierten Musik erreicht und ganz sicher bereichert, was auch daran gelegen ist, dass es Leute gab, die sich intensiv mit den Möglichkeiten zum Beispiel für improvisierende Musiker:innen auseinander gesetzt hatten.
So entstanden die Versuche, den Computer nicht nur als Werkzeug zur Wiedergabe oder Produktion vorgefertigter Musik zu nutzen, sondern ihn als ein unmittelbar spielbares, offenes und improvisatorisches Instrument zu gestalten.
Professionalität, ohne den Spirit zu verlieren
Bei einer 40. Ausgabe kommt viel Erfahrung zusammen. Was macht ihr heute bewusst anders als früher – und welche kleine Gewohnheit möchtet ihr unbedingt behalten, auch wenn sie in keiner Festivalbeschreibung auftaucht?
Auch wenn unser Festival davon lebt, dass man spürt, dass hier viele Aktivistinnen arbeiten, die das sehr engagiert, aber freiwillig, also ehrenamtlich machen, brauchen wir heutzutage dennoch einen höheren professionellen Standard, der nur erreichbar ist, wenn wir in bestimmten Bereichen bezahlte Spezialist:innen engagieren. Davon können wir nicht mehr abrücken.
Der ganz besondere Festival Spirit darf dadurch aber nicht verloren gehen, das ist ganz wichtig.
Was wir nicht mehr erwähnen, weil es für uns zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist die Tatsache, dass wir Paritäten auf möglichst vielen Ebenen anstreben, angefangen von den Aktivist:innen bis zu den Künstler:innen, auch im Publikum hätten wir zum Beispiel liebend gerne noch viel mehr Frauen, noch viel mehr jüngere Menschen und so weiter und so fort.
Die großartige Pianistin Irène Schweizer meinte einmal in einem Gespräch mit dem eingangs erwähnten Fred Frith sinngemäß: Schön, dass hier immer so viele Musikerinnen auftreten, worauf Fred antwortete: Aber das Beste ist, die reden nicht einmal davon!
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Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Peter Gannushkin · Liz Zaanen · Petra Cvelbar