Nava Hemyari.
Wenn der Raum mitspielt.
Nava Hemyari über punctum collective, das Hören mit verbundenen Augen und die kleinen Geräusche, die plötzlich wichtig werden.
Im Gespräch mit Nava Hemyari · punctum collective
Ein hoher Klarinettenton, der im Nachhall zu scharf wird. Ein Stück, das auf den Balkon umzieht. Ein Nebengeräusch, das mit verbundenen Augen plötzlich eine eigene Präsenz bekommt. Für punctum collective entstehen Entscheidungen oft erst dort, wo die Musik erklingt.
Die in Wien lebende Komponistin und Performerin Nava Hemyari arbeitet mit Stimme, Elektronik und elektroakustischer Komposition. Hier erzählt sie von der gemeinsamen Arbeit bei punctum collective und dem geplanten Konzert am 4. November 2026 im Haus Wittgenstein. Fünf Fragen per E-Mail, behutsam redigiert und für die englische Fassung übersetzt.
Der Raum entscheidet mit.
Bei moquette spielt sogar der Teppich der Kirche eine Rolle für den Klang. Erinnerst du dich an eine Probe, bei der ihr wegen des Raums etwas am Stück oder an eurer Aufstellung verändert habt? Was habt ihr dabei entdeckt?
Da wir unsere Programme immer auf den jeweiligen Raum abstimmen, lassen wir bewusst Spielraum für Veränderungen. Manchmal merken wir erst vor Ort, dass eine aus größerer Distanz geplante Aufführung akustisch nicht funktioniert oder visuell nicht überzeugt.
Eine besondere Herausforderung war ein Konzert im Reaktor, dessen starke Nachhallzeit die hohen Klarinettentöne extrem durchdringend und beinahe schmerzhaft machte. Wir mussten sie entsprechend zurücknehmen.
In der Zacherlfabrik wiederum haben wir eine ursprünglich geplante Installation in einer Ecke aufgrund der Choreografie anderer Stücke verlegt und schließlich ein Stück oben auf dem Balkon gespielt. Solche Erfahrungen zeigen uns, dass der Raum nicht nur Rahmenbedingung ist, sondern aktiv in die Gestaltung des Programms einfließt.
Mit offenen Ohren.

Bei Blinds hört das Publikum einen Teil des Konzerts mit Augenbinden. Was müsst ihr als Ensemble anders machen, wenn die Leute eure Bewegungen nicht sehen können? Erzähl gern von einem Moment, in dem das beim Spielen besonders spürbar wurde.
Wenn das Publikum die Augen verbunden hat, wird das Gehör natürlich viel sensibler. Wir müssen darauf achten, möglichst wenige unbeabsichtigte Geräusche zu machen, damit nichts ablenkt oder etwas hörbar wird, das wir eigentlich nicht in den Vordergrund stellen wollen.
Gleichzeitig finde ich es spannend, dass gerade diese Störgeräusche einen eigenen Charme entwickeln können. Als ich selbst einmal mit Augenbinde einem Stück für Violine zugehört habe, waren es gerade diese kleinen Nebengeräusche, die ich unter anderen Umständen kaum wahrgenommen hätte, die das Hören besonders interessant gemacht haben.
Es entsteht auch ein besonderes Gefühl der Fürsorge: Wenn Menschen die Augen verbunden haben, befinden sie sich in einer verletzlicheren Position, und das verändert auch unsere Verantwortung ihnen gegenüber.
Der Raum ist nicht nur Rahmenbedingung, sondern fließt aktiv in die Gestaltung des Programms ein.
Der nächste Schritt entsteht gemeinsam.
Bei punctum treffen Streicher, Klarinetten, Stimme und Elektronik aufeinander. Wie findet ihr in einer Probe heraus, ob eine neue Idee zusammen funktioniert? Wer oder was gibt den nächsten Schritt vor?
Wenn wir ein Auftragswerk oder ein Stück von Komponist:innen erarbeiten, die bei den Proben nicht anwesend sind, spielen wir es in der ersten Probe gemeinsam durch. In der zweiten Probe widmen wir uns stärker der musikalischen Gestaltung. Wir haben dann bereits die Dramaturgie des Stücks kennengelernt und versuchen zu verstehen, was die Komponist:innen vermitteln möchten und wie wir das als Ensemble am besten umsetzen können.
Bei performativen oder experimentellen Arbeiten ist der Prozess offener: Ideen werden eingebracht, ausprobiert, verworfen und weiterentwickelt. Da die Urheber:innen meist selbst anwesend sind, verstehen wir die ursprüngliche Idee oft als Ausgangspunkt, der sich durch die Zusammenarbeit mit dem Ensemble verändern darf.
Der nächste Schritt entsteht dann aus dem gemeinsamen Ausprobieren und daraus, was im Moment tatsächlich funktioniert.
Partitur und Spielraum.
Du komponierst und stehst selbst mit dem Ensemble auf der Bühne. Wie viel Spielraum entsteht durch die anderen Musiker:innen – etwa bei einem grafisch notierten Stück wie „Euthanasia“? Und wie verhält sich das zu den Stücken auf „The Lie“?
„Euthanasia“ ist ein Stück, bei dem durch die grafische Notation viele unterschiedliche Ergebnisse möglich sind. Auch die flexible Besetzung trägt dazu bei, dass jede Aufführung eine gewisse Überraschung bereithält. Die Musiker:innen bringen ihre eigenen Interpretationen und Entscheidungen ein, sodass sich das Stück jedes Mal etwas anders entfaltet.
Das Album „The Lie“ besteht allerdings aus fix notierten Stücken. Es geht hier also weniger darum, die ursprüngliche Gestalt eines Stücks zu verändern, sondern darum, wie unterschiedlich sie durch die Interpretation zum Leben erweckt werden kann.
Zwischen Hören und Sehen.
Am 4. November spielt ihr im Haus Wittgenstein. Was möchtet ihr dort ausprobieren? Was erwartet Menschen, die punctum noch nicht kennen?
Im Haus Wittgenstein möchten wir zu Beginn fragile Klanglandschaften erkunden – Klänge, bei denen man gerade mit verbundenen Augen nicht immer sicher ist, ob man tatsächlich etwas gehört hat oder ob es ein zufälliges Geräusch war. Die Stücke im ersten Teil werden im Raum verteilt erklingen, sodass unterschiedliche Klangquellen aus verschiedenen Richtungen wahrnehmbar werden.
In der zweiten Konzerthälfte nehmen die Besucher:innen ihre Augenbinden zum Klang einer Taube ab. Dieser leitet Carola Bauckholts Stück „Coo-Cooooo-Coo? Where, where?“ (2024) ein, das von animierten Projektionen begleitet wird. Danach führen wir den Abend mit weiteren Filmen von Mitgliedern der Filmkoop Wien fort, bevor eine abschließende Performance von mir, Nava Hemyari, das Programm beschließt.
Wer punctum noch nicht kennt, kann sich auf einen Abend freuen, an dem Musik, Film und Raum miteinander in Beziehung treten und das Hören und Sehen immer wieder neu herausgefordert werden.
Nava Hemyari
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Nava Hemyari · SCENE:ID art direction · Hessam Samavatian · SCENE:ID art direction