Nero Effecta
ID: Interview · Innsbruck

NERO
EFFECTA

Der eigene Puls.

Nero Effecta über G-Prog, Hard Bounce und die Geduld, einen Sound zu finden, hinter dem man wirklich steht.

G-PROG
HARD BOUNCE

Ein gelungener Übergang, eine Fahrt von fast 300 Kilometern und ein gebrauchter Controller: So beginnt Flos Geschichte. Als Nero Effecta hat er sich seitdem von der Psy-Szene rund um Innsbruck zu einer eigenen Verbindung aus G-Prog und Hard Bounce gearbeitet. Im Gespräch erzählt er, warum ein Track manchmal Jahre braucht, wie seine Frau das Projekt mitprägt und was er aus Tirol mitnehmen will.

Ein Übergang verändert alles.

Noch bevor es um einen eigenen Track geht, ist da die Erfahrung einer Nacht. Psytrance öffnet Flo eine neue Welt; der Controller eines Freundes macht aus dem Zuhörer jemanden, der selbst gestalten möchte.

In deiner Geschichte auf SoundCloud geht alles mit dem DJ-Controller eines Freundes los. Bald wolltest du aber eigene Musik machen. Erinnerst du dich an den ersten Moment, in dem etwas aus deinen Boxen kam und du dachtest: Ja, genau das habe ich gesucht?

Dieser Moment war für mich prägend. Damals begann ich, selbst Psytrance-Partys zu besuchen. Die Energie, die Musik und die Atmosphäre dieser Szene waren etwas völlig Neues für mich und haben mich sofort fasziniert.

Als ich bei einem Freund seinen DJ-Controller sah, fragte ich ihn, ob ich meine beiden damaligen Lieblingssongs ineinander mixen könnte. Als der Übergang auf Anhieb perfekt funktionierte, war ich schockverliebt. Noch am selben Abend fand ich fast 300 Kilometer entfernt einen gebrauchten Controller, fuhr hin und kaufte ihn. Wenige Wochen später absolvierte ich einen einwöchigen Produktionskurs bei einem bekannten israelischen DJ und Produzenten, welcher mich dann in seinem Label unter Vertrag nahm. So begann vor rund zehn Jahren meine Reise in die Musikproduktion.

Nero Effecta

Den Sound, nach dem ich gesucht hatte, fand ich allerdings nicht von heute auf morgen. Mein Ehrgeiz, ein möglichst perfektes Ergebnis zu erzielen, führte mich über die Jahre durch extreme Höhen und Tiefen. Mein Stil entwickelte sich ständig weiter. Besonders meine Frau, die ich vor sieben Jahren kennenlernte, unterstützte mich musikalisch, half mir dabei, mich neu zu erfinden und ist bis heute ein fester Bestandteil von Nero Effecta.

In den vergangenen vier bis fünf Jahren entstanden schließlich die ersten Tracks, die mich bis heute vollkommen überzeugen. Heute kann ich sagen, dass ich zu 100 Prozent hinter meinem Sound stehe.

Zwischen den Schubladen.

Die Freiheit des G-Prog wird zunächst zum Ausgangspunkt. Doch ein Sound zwischen 160 und 190 BPM passt nicht selbstverständlich in jede Nacht. Hard Bounce bringt eine neue Richtung, ohne die bisherigen Einflüsse auszuradieren.

Dein Sound hat sich über die Jahre von New-School-G-Prog hin zu Hard Bounce entwickelt. Welche Elemente aus deiner musikalischen Vergangenheit prägen dich bis heute, was fasziniert dich an deinem aktuellen Sound und woran erkennt man, dass ein Track unverkennbar nach Nero Effecta klingt?

G-Prog war lange genau das, wonach ich gesucht hatte: ein Genre ohne starre Regeln, feste Tempogrenzen oder klare Vorgaben, wie Musik klingen muss. Besonders die moderne, von der brasilianischen Szene geprägte Ausrichtung und die kreativen Möglichkeiten bei Basslines und Tempo haben mich begeistert. Damals integrierte ich auch viele Einflüsse aus der Tekno-Szene in meine Produktionen und entwickelte einen Sound, der sich bewusst zwischen verschiedenen Genres bewegte.

Mit der Zeit merkte ich allerdings, dass diese musikalische Offenheit es mir nicht immer leicht machte, meinen Platz in der Szene zu finden. Mein Sound mit 160 bis 190 BPM war für klassische Progressive-Psytrance-Partys oft zu hart, für reine HiTech-Events zu soft und für Tekno-Partys zu eigenständig.

Nero Effecta hinter den Decks

Vor etwa zwei Jahren entdeckte ich dann ein Hard Bounce Face-to-Face-Set aus dem Umfeld von 240 KM/H Records. Die Energie, der Sound und die Dynamik haben mich sofort gepackt. Das war für mich ein entscheidender Wendepunkt und der Beginn meiner heutigen Ausrichtung auf Hard Bounce, in die ich weiterhin meine bisherigen Einflüsse und meine eigene musikalische Identität einfließen lasse. Aktuell produziere ich überwiegend eine Mischung aus G-Prog und Hard Bounce auf 165 BPM.

Beim Produzieren ist mir besonders wichtig, nicht einfach einen bestehenden Sound zu kopieren. Ich lasse mich gerne von anderen Artists inspirieren, möchte aber immer meine eigene Handschrift entwickeln. Wenn ich einen Track beginne, habe ich meist eine ganz bestimmte Stimmung im Kopf. Idealerweise entstehen 80 bis 90 Prozent des kreativen Grundgerüsts in einer einzigen Session. Danach folgen Feinschliff und Qualitätskontrolle.

Bis ein Track für mich wirklich fertig ist, können Tage, Wochen oder sogar Jahre vergehen. Ich veröffentliche meine Musik erst dann, wenn ich zu 100 Prozent dahinterstehe. Mein Ziel ist es, die Energie und den Charakter von Hard Bounce und G-Prog mit meiner eigenen Kreativität und meinen bisherigen musikalischen Erfahrungen zu verbinden und so einen Sound zu schaffen, der unverkennbar Nero Effecta ist.

Ein Track darf warten.

Bei „India Rave“ treffen musikalische Inspiration und die Suche nach einer eigenen Handschrift aufeinander. Der Track funktioniert bereits auf Partys, als Flo entscheidet, ihn noch einmal grundsätzlich umzubauen.

Auf deinem SoundCloud stehen eigene Tracks wie „On a Mission“ neben Reworks und DJ-Mixen. Wenn du uns einen deiner eigenen Tracks näher vorstellen würdest: Welchen würdest du wählen, und welche Geschichte steckt dahinter, die man beim Hören nicht mitbekommt?

Diese Entscheidung fällt mir schwer, weil ich zu mehreren meiner Tracks eine besondere Geschichte erzählen könnte. Wenn ich mich aber festlegen muss, ist es definitiv „India Rave“. Mit diesem Track begann eine völlig neue Ära für mich und mein Projekt.

Meine Frau machte mich damals auf den Künstler Henrique Camacho aufmerksam. Ich glaube, sein Track „Ganesha“ war der erste, den ich von ihm hörte. Diese Art von Musik war völlig neu für mich und inspirierte mich auf mehreren Ebenen. Sowohl die Struktur seiner Tracks als auch die kreativen Visualisierungen seiner Musikvideos veränderten meine Sicht darauf, wie ich Musik produziere und dem Publikum präsentiere.

Nero Effecta hinter den Decks

Mit „India Rave“ wollte ich einen klaren Startpunkt setzen und zeigen, wofür Nero Effecta steht. Obwohl der Track für mich damals bereits ein gewaltiger Fortschritt war und ich ihn auf einigen Partys spielte, veröffentlichte ich ihn erst weit über ein Jahr später.

Ich hatte das Gefühl, dass er noch nicht vollständig meine Handschrift trug. Deshalb setzte ich mich eines Abends erneut an das Projekt, überarbeitete die gesamte Struktur, gestaltete die Main Drops neu und ersetzte die Bassline. Dadurch gewann der Track nochmals deutlich an Stärke und wurde zu dem, was ich ursprünglich in ihm gesehen hatte.

Mir war das Potenzial von Anfang an bewusst. Genau deshalb wollte ich ihn nicht veröffentlichen, bevor er meinen eigenen Ansprüchen gerecht wurde. Ich denke, man hört dem Ergebnis an, wie viel Liebe zu dieser Musik und wie viel Detailarbeit darin steckt.

Ein Floor wird zum Zuhause.

Der Queens Club und die Psybox-Nächte sind für ihn Erinnerungen an einen Anfang und an ein späteres Ankommen hinter den Decks. Heute verschiebt sich seine Rolle erneut: vom Resident zum Mitgestalter eigener kleinerer Events.

Wie erlebst du die Psy-Szene rund um Innsbruck von innen? Gibt es einen Abend, einen Ort oder Menschen, durch die du dort das Gefühl bekommen hast: Hier gehöre ich dazu?

Mir ist es wichtig, in der lokalen Szene präsent zu sein, den Kontakt zu anderen Artists und Veranstaltern zu pflegen und aktiv am Geschehen teilzunehmen. Ich erlebe eine Szene, die sich wirklich bemüht, die Kultur lebendig zu halten. DJs, Veranstalter, Dekoteams und Musikliebhaber arbeiten hier Hand in Hand, um jeder Party ihren eigenen Charakter zu verleihen.

Ein ganz besonderer Ort war für mich der Queens Club, wo für mich alles begann. Mit 18 Jahren besuchte ich dort zum ersten Mal die Psybox- Veranstaltungen und war sofort fasziniert. Ich bewunderte die DJs, ihre Sets und die Atmosphäre und hatte den großen Wunsch, eines Tages selbst dort oben zu stehen und als einer der „Masters of the Ceremony“ das Publikum durch die Nacht zu führen.

Nero Effecta

Einige Jahre später wurde ich tatsächlich Teil der lokalen Psybox-DJ-Crew und durfte dort unvergessliche Nächte erleben, neben vielen meiner damaligen Vorbilder spielen und persönliche Kontakte knüpfen.

Leider gibt es den Club heute nicht mehr, und damit endete auch meine Zeit als Resident-DJ. Trotzdem haben mich diese Jahre wie kaum eine andere Phase meiner Karriere geprägt. Dafür bin ich bis heute unglaublich dankbar.

Mittlerweile spiele ich in anderen Clubs in Innsbruck und veranstalte seit Kurzem gemeinsam mit einem Clubbetreiber auch eigene, kleinere Events. Dass ich dabei selbst entscheiden kann, welche Artists ich einlade und wie ich eine Party gestalte, bedeutet mir viel.

Mehr als die Musik.

Produktion, Mastering, Artwork und Visuals gehören inzwischen zum selben Projekt. Der nächste Schritt soll über Tirol hinausführen. Dabei spricht Flo auch über die Menschen, die ihm den Rücken freihalten.

Was würdest du mit Nero Effecta als Nächstes gern ausprobieren? Vielleicht eine musikalische Richtung, eine Zusammenarbeit oder eine eigene Veranstaltung – etwas, das dich gerade besonders beschäftigt.

Meine nächsten Schritte sind ziemlich klar: Nachdem ich mich in den vergangenen Jahren intensiv auf die Produktion, Weiterentwicklung und Fertigstellung meiner eigenen Tracks konzentriert und überwiegend in der lokalen Szene gespielt habe, möchte ich jetzt stärker in die internationale Szene eintauchen.

Als Artist muss man heute allerdings weit mehr sein als nur Musiker. Weil ich bei meinem Projekt möglichst unabhängig bleiben möchte, habe ich mir über die Jahre viele Fähigkeiten selbst angeeignet: vom Produzieren, Mixen und Mastern meiner Tracks über Cover-Artwork und Visuals bis hin zur Veröffentlichung und Monetarisierung meiner Musik. Darauf bin ich stolz, denn all das professionell umzusetzen, erfordert viel Zeit, Wissen und Engagement.

Gleichzeitig habe ich erkannt, wie entscheidend Marketing, Social Media und die direkte Kontaktaufnahme mit Promotern und Veranstaltern für die eigene Entwicklung sind. Diesen Bereichen habe ich in der Vergangenheit ehrlich gesagt zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Gute Musik allein reicht heute oft nicht aus – man muss aktiv auf sich aufmerksam machen, Kontakte aufbauen und konsequent an seiner Präsenz arbeiten.

Genau dort möchte ich künftig ansetzen. Mein Ziel ist es, in naher Zukunft auf Festivals und Partys außerhalb Tirols und Österreichs zu spielen und gleichzeitig meine eigenen Veranstaltungen weiter auszubauen. Ich möchte Nero Effecta musikalisch wie auch als Projekt auf das nächste Level bringen.

Abschließend möchte ich meiner Frau und meinen engsten Freunden einen besonderen Dank aussprechen. Ich sehe sie nicht nur als Menschen, die mich auf meinem Weg unterstützen, sondern als festen Bestandteil und als Team hinter Nero Effecta. Ohne ihren Rückhalt, ihre Unterstützung und ihr Vertrauen wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Sie geben mir die Möglichkeit, meinen Weg weiterzugehen und das, was ich mir über die Jahre aufgebaut habe, wirklich zu genießen. Dafür bin ich ihnen unendlich dankbar.

NERO EFFECTA

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