Nova Lux im violetten Mantel
ID: Interview · Wien

NOVA
LUX.

Auf Abwegen.

Nova Lux über Sonder, eine Waldlichtung statt des erwarteten Drops und Musik, die ihre eigenen Regeln findet.

SONDER · SOUND / MEDIA ART

Ein Track deutet an, wohin er gehen könnte. Die Melodie wiederholt sich, Arpeggios kommen hinzu, ein Ziel scheint erkennbar. Dann führt Nova Lux ihn woandershin. Sonder beginnt mit dieser Freiheit: nicht jeden Klang in ein fertiges Konzept einzupassen, sondern zuzuhören, welche Welt aus ihm entstehen kann.

Nova arbeitet in Wien mit Klang und Medienkunst. Das eigene Portfolio reicht von Oscilloscope Music über Videoarbeiten wie Serenity.exe und Everyday A New Hope bis zur Musik unter dem Namen Nova Lux. Für Sonder begann 2023 eine neue Sammlung kleiner Experimente. Ende 2025 wurden daraus Stücke, deren Verbindung Nova nicht als Handlung, sondern als Folge emotionaler Zustände beschreibt.

Das Konzept darf warten.

Nach Arbeiten mit konkreten Vorgaben wollte Nova wieder spielerischer entdecken. Nicht die nächste These stand am Anfang, sondern einzelne Klänge und Skizzen. Erst später kam das Sortieren. So wächst Sonder aus einer offenen Praxis heraus: Die Stücke gehören zusammen, ohne dass ihnen eine eindeutige Geschichte übergestülpt werden muss.

Wann wurde aus den ersten Ideen „Sonder“? Gab es ein Stück oder einen Versuch, bei dem du gemerkt hast, dass daraus ein zusammenhängendes Album werden könnte?

Die ersten Ideen dazu hatte ich bereits 2023. Ich habe in der Vergangenheit viel Musik und Sound Art gemacht, bei der ich mit sehr konkreten Konzepten arbeitete. Nach einem solchen recht verkopften Projekt wollte ich Musik mal wieder spielerischer angehen und unbedarft neue Klänge entdecken, ohne vorgegebene Ansprüche erfüllen zu müssen. So entstanden im Lauf der Zeit viele kleine Soundexperimente und Songskizzen.

Ende 2025 fing ich dann an, diese Skizzen zu sortieren und es kristallisierten sich ein paar Stücke heraus, die zusammen für mich eine Geschichte erzählen. Keine Geschichte mit klarem Narrativ, sondern eher eine Folge von emotionalen Zuständen, die durch Klänge besser beschrieben werden können als durch Worte.

Keine Geschichte mit klarem Narrativ, sondern eher eine Folge von emotionalen Zuständen.

Der Weg führt zur Waldlichtung.

Orb Trail wurde zum ersten Stück und zur Orientierung für das Album. Die Ausgangsidee hätte einen poppigen Track ergeben können. Nova folgte dieser Möglichkeit nicht bis zu ihrem erwartbaren Ende. Der Richtungswechsel wird zum Bild für das ganze Projekt: eine Exkursion, bei der die Regeln erst unterwegs auftauchen. Orb Trail ist bereits auf Bandcamp zugänglich.

Nova Lux — Sonder
SONDER · 15. Oktober 2026

„Orb Trail“ ist schon vor dem Album zugänglich. Welcher Klang oder welche musikalische Idee war bei diesem Stück der Ausgangspunkt? Erzähl gern, wie sich das beim Weiterarbeiten verändert hat.

Orb Trail war das erste Stück des Albums und in gewisser Weise richtungsgebend. Es beginnt mit einer repetitiven Melodie und baut sich mit Arpeggios und blubberndem Sounddesign langsam auf, aber bewegt sich dann von den angeteaserten Synthie-Fragmenten weg ins Ungewisse. Es entstand eben zuerst als Skizze mit simplen Melodien, aus der sich ein poppiger Track ergeben könnte. Beim Weiterarbeiten fühlte es sich aber so an, als wolle der Track an ein vorherbestimmtes Ziel, aber ich wollte ihn lieber auf Abwege zu einer Waldlichtung führen. Orb Trail ist in gewisser Weise der Ausgangspunkt für eine Exkursion in eine magische Welt mit unbekannten Regeln.

Orb Trail hören

Clubmusik, anders erinnert.

Genres verschwinden hier nicht einfach. Ihre Elemente bringen Erinnerungen und körperliche Reaktionen mit, auch wenn Nova sie aus ihrem üblichen Zusammenhang löst. Eine Synthwand kann einen Drop erwarten lassen, der nicht kommt. Ein Rhythmus kann ein Stück plötzlich in eine andere Richtung ziehen. In Cave Tendrils wird die Bewegung einer Kürbispflanze zum Ausgangspunkt für eine klangliche Vorstellung.

In der Beschreibung von „Sonder“ tauchen Bruchstücke aus Clubmusik auf. Woran merkst du beim Arbeiten, dass ein Rhythmus oder ein Sound in einem Stück bleiben soll, auch wenn er dort anders funktioniert als auf einem Dancefloor?

Mir gefällt es, mit einem Post-Genre-Ansatz zu arbeiten. Elemente bestimmter Genres können Assoziationen schaffen und intuitive Reaktionen erzeugen und haben manchmal sogar eine stärkere Wirkung, wenn sie isoliert in einem anderen Kontext auftauchen. So bekommt zum Beispiel das glitschig-sumpfige Gestapfe in Stalactite Sonar mit einer antreibenden Synthwave-Bassline eine unerwartete Richtung, oder man steht nach fein detailliertem Sounddesign plötzlich vor einer epischen Synthwand, die an Eurotrance erinnert, aber dann statt des Beatdrops einfach wieder verschwindet.

Abstrakte Ranken — Illustration zu Cave Tendrils

Zum Track Cave Tendrils haben mich die Ranken einer Kürbispflanze inspiriert, deren verdrehte Fühler so schnell wachsen, dass man fast zusehen kann, und sich um alles herumschlingen, was ihnen in die Quere kommt. Cave Tendrils ist eine recht bildhafte klangliche Darstellung meiner Vorstellung solcher Ranken in überdimensionierter und etwas bedrohlicher Form, wie sie die Welt um sich herum vereinnahmen. Stimmhafte Wobbelsounds fügen sich dabei im Höhepunkt zu einem Dubstep-Beat zusammen.

Aus dem gemeinsamen Hören wird ein Liveset.

Für den 15. Oktober im Spitzer war zunächst eine Listening Session vorgesehen. Im Interview korrigiert Nova den Plan: Es wird ein Liveset, mit ausgewählten Albumteilen als Material für ein fortlaufendes Stück. Die Idee des gemeinsamen Hörens bleibt daneben als Einladung für zuhause bestehen — Augen zu und den emotionalen Stationen folgen.

Nova Lux bei Moozak in der Semmelweisklinik — Foto Markus Gradwohl
Livefoto bei Moozak in der Semmelweisklinik: Markus Gradwohl.

Im Spitzer-Programm für den 15. Oktober ist eine Listening Session zu deinem Album angekündigt. Wie möchtest du die Musik dort präsentieren? Was kann das gemeinsame Hören in diesem Raum zeigen, das beim Hören zu Hause vielleicht weniger auffällt?

Es war zuerst als Listening Session geplant, wird jetzt aber doch ein Liveset. Dabei will ich mich auf bestimmte Parts des Albums fokussieren, die live viel Freiheit und Intuition zulassen und sich als ein sich weiterentwickelndes Stück präsentieren lassen. Ich spiele dann am nächsten Tag ein ähnliches Set im Forum Stadtpark in Graz.

Die ursprüngliche Idee für die Listening Session war, gemeinsam das Album wie einen Film zu hören. Für mich funktioniert es am besten mit geschlossenen Augen als Soundtrack einer verwunschenen Wald- und Höhlenexkursion mit ihren emotionalen Stationen. Das wäre dann jedenfalls meine Hörempfehlung für zuhause :)

Augen zu. Den Klängen folgen.

Klang bekommt einen Körper.

Die Arbeit führt auch aus dem Studio heraus. Beim Montage Camp in Grünbach am Schneeberg erlebte Nova ein Umfeld, in dem Workshops und Improvisationen das Programm mitgestalteten. Dort wurde Raum für Stimme und Körper frei. Als Nächstes steht ein erster Auftritt mit Traditional Family Values im Dezember an. Und danach: Holzofen, Code und eine Katze am Schoß.

Du arbeitest mit Klang und Medienkunst in Wien. Welche Begegnung oder welcher Ort hat dir zuletzt eine neue Idee für deine Arbeit gegeben? Und was würdest du als Nächstes gern ausprobieren – vielleicht auch gemeinsam mit anderen?

Ein Ort, der mich sehr inspiriert hat, war das Montage Camp in Grünbach am Schneeberg im August. Es ist ein Festival für KünstlerInnen hauptsächlich aus den Bereichen Sound Art und Performance, die in Workshops und Improvisationen gemeinsam das Programm gestalten. Es war für mich das perfekte Umfeld, um Dinge auszuprobieren, mit denen ich bisher wenig Erfahrung hatte, z. B. mit meiner Stimme und meinem Körper zu arbeiten.

Im Dezember habe ich den ersten Auftritt mit meiner neuen Band Traditional Family Values beim Sägezahn-Festival. Ansonsten werde ich im Winter voraussichtlich viel am Holzofen sitzen und programmieren, mit einer Katze am Schoß.