ID: INTERVIEW · AUSTRIA

Philip Zoubek.

Wo Klavier und Synthesizer verschmelzen.

Philip Zoubek über Enigma, den Charakter eines Klangs und die produktive Reibung zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten.

Philip Zoubek
Philip Zoubek am Flügel · Degenhardt
Foto: Degenhardt

Ein Synthesizer kann wie ein präpariertes Klavier klingen. Ein Klavierton kann elektronischen Klängen Kernigkeit und Punch geben. Bei Enigma interessiert Philip Zoubek genau dieser Moment, in dem sich die Instrumente gegenseitig verändern und ihre Herkunft unscharf wird. Mit David Helm und Dominik Mahnig hat er daraus ein mehr als 40-minütiges Triostück entwickelt. Im Gespräch erklärt er, wie Klangforschung in sein Spiel einsickert, wie sich der Ensembleklang erweitert und was Placebo Domingo und Mirage im Trio hinterlassen haben.

Der in Tulln geborene Pianist und Komponist Philip Zoubek lebt und arbeitet in Köln. Präpariertes Klavier, analoge Synthesizer und das Verhältnis von Komposition und Improvisation stehen im Zentrum seiner Arbeit.

01 / IM GESPRÄCH

Wenn ein Klang sich richtig anfühlt

Im Begleittext zu „Enigma“ erzählst du von einer Entdeckung beim Improvisieren mit Klavier und Synthesizer. Was hast du da plötzlich gehört, das dich nicht mehr losgelassen hat? Kannst du uns in diesen Moment mitnehmen?

Ein zentraler Aspekt meiner Musik ist Klangforschung, zum Beispiel am präparierten Klavier oder mit Elektronik. Klänge, die mich reizen, fühlen sich „richtig“ an, da gibt es eine Tiefe, und genau das macht mich neugierig. Ich glaube, ich habe ein gutes Gespür für den Charakter, das Temperament und den Ausdruck.

Das alles entsteht meistens beim Improvisieren und sickert dann irgendwann in mein Spiel ein. Das ist kein bewusster Prozess, sondern das entsteht einfach nach und nach.

02 / IM GESPRÄCH

Zwei Hände, zwei Gegenüber

Philip Zoubek · Porträt von Degenhardt
Foto: Degenhardt

Du spielst teilweise mit der linken Hand Klavier und bedienst mit der rechten den Synthesizer. Wie verändert das dein Spielen? Gibt es etwas, das du gerade deshalb entdeckst, weil du am Klavier nicht beide Hände frei hast?

Entweder spiele ich unisono, sprich: Die Instrumente (ver)färben sich gegenseitig, oder ich benutze die beiden Instrumente wirklich als Antagonisten. Aber Ähnliches ist ja auch am Klavier möglich.

So entsteht ein Hybridklang, bei dem oft offen bleibt, welches Instrument gerade im Vordergrund steht.
03 / IM GESPRÄCH

Den Ensembleklang öffnen

David Helm arbeitet mit Effekten am Bass, Dominik Mahnig unter anderem mit einem Tischxylophon. Welche Idee von einem der beiden hat bei „Enigma“ deine ursprüngliche Vorstellung von einer Passage verändert?

Ich wollte einfach den Ensembleklang erweitern, genauso wie ich es mit Klavier und Synth mache.

04 / IM GESPRÄCH

Das Rückgrat von Enigma

„Enigma“ besteht aus neun Teilen, die zusammen ein großes Stück ergeben. Wie habt ihr diese Form gefunden? Was stand vor der Aufnahme fest, und was hat sich erst beim gemeinsamen Spielen oder beim späteren Anhören ergeben?

Enigma ist ziemlich durchkomponiert. Ich habe hier den Prozess ganz gut beschrieben:

Schon seit Jahren beschäftige ich mich mit Klangforschung: Synthesizer, präpariertes Klavier und, in jüngerer Zeit, vor allem die Verbindung von elektronischen und akustischen Klängen. Die Idee zu Enigma entstand dabei eher nebenbei.

Während die erste Platte des Philip Zoubek Trio noch vergleichsweise konventionell angelegt ist, rückt bei Enigma die Klanglichkeit der einzelnen Stücke stärker in den Vordergrund. Beim Improvisieren mit Synthesizer und präpariertem Klavier im Proberaum entstanden Klänge, die mich immer mehr beschäftigten und schließlich zur Grundlage eines mehr als 40-minütigen Triostücks wurden.

Mich interessiert, wie die beiden Instrumente sich gegenseitig verändern. Zudem fasziniert es mich, den Synthesizer akustisch klingen zu lassen – ähnlich einem präparierten Klavier. Zugleich färbt, verstimmt und verdichtet er den Klavierklang. Umgekehrt gibt der Klavierton, insbesondere sein Attack, den Synthesizerklängen Kernigkeit und Punch. So entsteht ein Hybridklang, bei dem oft offen bleibt, welches Instrument gerade im Vordergrund steht.

Aus diesen Experimenten entwickelten sich Klänge, Shapes und Zustände, die sich nach und nach zu Klanggruppen und unterschiedlich temperierten Klangräumen verdichteten. Sie bilden das Rückgrat des Stücks, tauchen im Verlauf immer wieder auf, verändern sich und treten in neue Beziehungen zueinander.

Dazu gehören fast naive, verstimmte Melodien, Glissandi in verschiedensten Variationen, verzerrte Riffs, perkussive und kalimbaartige Klänge sowie einfache rhythmische Zellen, die sich im Verlauf des Stücks weiterentwickeln.

Diese Klangwelt setzt sich auf Schlagzeug und Bass fort. Beide Instrumente erweitern bestimmte Aspekte des Stücks und stützen sie. Der akustische Bass arbeitet mit Distortion, Ringmodulatoren und einem Octaver, um gegen die Massivität des Synthesizers anzukommen. Das Schlagzeug greift mit einem Tischxylophon die kalimbaartigen Klänge des Synthesizers auf.

05 / IM GESPRÄCH

Trance und neue Klangfarben

Polaroidporträt von Philip Zoubek, fotografiert von Jennifer Rumbach
Foto: Jennifer Rumbach

Mit David und Dominik spielst du auch als Placebo Domingo, mit einer anderen Instrumentierung und einem eigenen Sound. Was nehmt ihr aus dieser Arbeit zurück ins Trio? Gibt es etwas, das ihr euch dort zum ersten Mal getraut habt und das heute auch „Enigma“ prägt?

Placebo hat das Trio sicher verändert. Bei Placebo geht es uns um trancehafte Zustände. Die Musik kann ziemlich massiv klingen, und das tut Enigma – vor allem live – auch.

Von der Klanglichkeit ist Enigma vielleicht genauso von der PZ-Trio-Extended-Platte „Mirage“ beeinflusst. Da sind wir erstmals viel farbenreicher unterwegs, als man es sonst von jazzaffinen Bands kennt.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Degenhardt · Jennifer Rumbach