Purrdition.
Raum für den eigenen Weg.
Purrdition über hypnotische Grooves, das Potenzial eines Demos und die Frage, was es kostet, die eigenen Werte im Club zu leben.
Im Gespräch mit Purrdition
Eine Percussion-Line kann sie heute glücklicher machen als ein Drop bei 160 BPM. Purrdition hört wieder offener hin: auf langsamere Grooves, ungewöhnliche Texturen und die eigenen Ideen. Im Gespräch verbindet die Wiener DJ und Produzentin diesen Wandel mit ihrer Arbeit für FEMpire und PURRADOX. Es geht um Tracks, die erst auf der großen Anlage ihre Schwächen zeigen, um gemeinsames Weiterarbeiten an Demos und um Clubnächte, deren Anspruch auch im Budget bestehen muss.
Hinter Purrdition steht Sabrina aus Wien. 2023 gründete sie FEMpire als Plattform für FLINTA*-Produzent*innen; mit PURRADOX organisiert sie Clubnächte. Dieses Gespräch entstand per E-Mail im Vorfeld ihres Auftritts bei Tohuwabohu am 24. Oktober 2026 in der FLUCC Wanne. Die Antworten wurden behutsam redigiert und ins Englische übersetzt.
Den Groove wachsen lassen.
Am 24. Oktober spielst du bei Tohuwabohu im FLUCC, wo diesmal rollender, sich langsam aufbauender Techno angekündigt ist. Was reizt dich an so einem Abend? Gibt es Musik in deiner Sammlung, für die du dort besonders gern Platz machen würdest?
Mein eigener Sound hat sich im letzten Jahr ziemlich verändert. Ich habe früher viel härter und schneller gespielt und mich eine Zeit lang auch stark über diesen Sound definiert. Mittlerweile schätze ich wieder viel mehr, was langsamere, hypnotische Tracks ausmachen kann. Dieses allmähliche Aufbauen von Spannung, subtile Veränderungen und Grooves, in denen man sich irgendwann komplett verliert.
Ich habe gemerkt, dass mich nicht unbedingt die Geschwindigkeit oder Härte eines Tracks begeistert, sondern das, was er mit mir macht. Heute kann mich eine richtig gute Percussion-Line glücklicher machen als ein Drop bei 160 BPM. Character development, würde ich sagen.
Ich glaube, ich habe mich auch ein bisschen davon verabschiedet, unbedingt in eine bestimmte musikalische Schublade passen zu müssen. Ich höre wieder viel offener Musik und entdecke dadurch unglaublich viel Neues.
Genau deshalb freue ich mich auf den Abend. Ich habe einige hypnotische, groovige Tracks mit spannenden Texturen und ungewöhnlichen Sounds im Gepäck. Und auch ein paar eigene, noch unveröffentlichte Tracks, die ich am Samstag zum ersten Mal testen möchte.
Der Club hört, was im Studio fehlt.

Such dir einen deiner eigenen Tracks aus: Welche kleine Idee stand ganz am Anfang, und was ist beim Produzieren daraus geworden? Mich würde auch interessieren, ob sich dein Blick auf den Track verändert hat, nachdem du ihn zum ersten Mal im Club gespielt hast.
Mit der Frage tue ich mir tatsächlich ziemlich schwer, weil ich eigentlich fast nie mit einer konkreten Idee ins Studio gehe.
Natürlich habe ich manchmal eine grobe Richtung im Kopf, weil mich beispielsweise ein anderer Track inspiriert hat. Aber ich bin nicht jemand, der eine geniale Idee hat und sich dann hinsetzt, um sie umzusetzen. Bei mir entsteht das meiste erst während des Produzierens. Ich experimentiere mit Sounds, Rhythmen und Effekten und schaue, wohin es mich führt.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich so gerne Remixe mache. Ich habe dabei einen Ausgangspunkt, an dem ich mich orientieren kann, ohne mich musikalisch daran halten zu müssen. Das Original gibt mir eine gewisse Richtung vor, aber was ich daraus mache, ist völlig offen. Diese Mischung aus einer vorhandenen Grundlage und kreativer Freiheit macht den Produktionsprozess für mich irgendwie viel leichter.
Ein gutes Beispiel ist mein Remix von Akonas „Acid Destruction“. Das ist tatsächlich einer der wenigen Tracks von mir, die mir auch heute noch richtig gut gefallen. Bei den meisten meiner Produktionen ist es leider so, dass sie mir spätestens dann nicht mehr gefallen, wenn sie endlich veröffentlicht werden. Wahrscheinlich, weil ich sie während des Produktionsprozesses schon ungefähr 500 Mal gehört habe.
Auch das erste Testen im Club kann manchmal ziemlich ernüchternd sein. Zu Hause klingt alles großartig, und auf einer großen Anlage hört man plötzlich Dinge, die einem vorher überhaupt nicht aufgefallen sind. Zu wenig Tiefen, ein Element, das nicht richtig durchkommt oder ein Drop, der nicht ganz so funktioniert wie gedacht.
Wahrscheinlich sind das Details, die außer mir niemandem auffallen, aber man selbst steht dann da und denkt sich: Was zur Hölle habe ich da eigentlich produziert?
Gleichzeitig ist genau das unglaublich wertvoll. Man lernt sehr viel darüber, wie die eigene Musik tatsächlich auf dem Dancefloor funktioniert.
Es ist relativ einfach, über Werte zu sprechen. Spannend wird es dort, wo es etwas kostet, sie auch tatsächlich zu leben.
Das Potenzial hinter dem Demo.
Mit FEMpire gibst du FLINTA*-Artists eine Plattform für ihre Musik. Was passiert bei euch zwischen dem ersten zugeschickten Demo und dem fertigen Release? Erzähl gern von einem Austausch, bei dem du gemerkt hast, wie du jemanden ganz konkret weiterbringen kannst.
Als ich FEMpire 2023 gegründet habe, war der Grundgedanke, FLINTA*-Artists eine Plattform zu bieten und aktiv dazu beizutragen, dass mehr Perspektiven in der elektronischen Musik sichtbar werden.
Ich glaube nämlich nicht, dass es unserer Szene an talentierten Künstler:innen mangelt, sondern häufig an Möglichkeiten, Netzwerken und manchmal auch an Menschen, die einem überhaupt erst zutrauen, dass man etwas kann.
Was FEMpire von vielen anderen Labels unterscheidet, ist, dass wir uns musikalisch nicht auf einen bestimmten Sound festlegen. Viele Labels haben eine sehr klare musikalische Ausrichtung, was natürlich völlig legitim ist. Bei uns steht aber die Förderung von FLINTA*-Artists im Vordergrund.
Deshalb veröffentlichen wir alles von langsameren, minimalistischen und hypnotischen Sounds bis hin zu brachialem Hardtechno. Solange die Musik clubtauglich ist und uns künstlerisch überzeugt, ist das Genre zweitrangig.
Wenn wir Demos bekommen, geht es deshalb auch nicht nur darum, ob ein Track technisch perfekt produziert ist. Manchmal steckt eine richtig gute Idee dahinter, die vielleicht noch nicht ganz ausgereift ist. Dann versuchen wir, konstruktives Feedback zu geben und gemeinsam das Potenzial des Tracks herauszuarbeiten.
Wir arbeiten auch mit Mixing- und Mastering-Engineers zusammen. Gerade bei unserer letzten Compilation war es bei einigen Tracks notwendig, dass sie vor dem Mastering noch einmal überarbeitet oder neu gemischt werden.
Das kann ich total nachvollziehen, weil ich selbst sehr lange meine Tracks nicht eigenständig gemischt habe. Einen guten Track zu produzieren und ihn technisch so abzumischen, dass er auf einer großen Clubanlage funktioniert, sind schließlich zwei unterschiedliche Fähigkeiten.
Mir ist wichtig, dass solche Rückmeldungen nicht als Kritik an der künstlerischen Arbeit verstanden werden, sondern als Teil eines gemeinsamen Prozesses. Am Ende wollen wir alle, dass die Musik ihr volles Potenzial entfalten kann.
Haltung hat ihren Preis.
Bei PURRADOX stehst du selbst hinter den Decks und organisierst zugleich den Abend. Welche Erfahrung als DJ hat dich dazu gebracht, beim Veranstalten etwas anders zu machen? Und was davon würdest du jemandem mitgeben, der gerade die erste eigene Nacht plant?
Wenn man selbst als DJ unterwegs ist, bekommt man ziemlich schnell mit, was in der Szene gut läuft und was eben nicht. Und ich habe über die Jahre leider einiges erlebt und beobachtet, das ich nicht einfach so hinnehmen wollte.
Gerade wenn es um Gleichberechtigung, Diversität und Sicherheit im Nachtleben geht, gibt es aus meiner Sicht noch unglaublich viel zu tun.
PURRADOX ist deshalb aus dem Wunsch entstanden, nicht nur darüber zu reden, was sich verändern müsste, sondern selbst aktiv etwas anders zu machen.
Das beginnt für mich schon beim Booking. Wem geben wir eine Bühne? Geht es tatsächlich um die Musik und die Fähigkeiten der Artists oder hauptsächlich um Followerzahlen, Bekanntheit und darum, wer wen kennt? Ich finde, als Veranstalter:in trägt man eine Verantwortung dafür, welche Strukturen man durch die eigenen Entscheidungen unterstützt.
Ein weiterer enorm wichtiger Punkt ist Awareness. Ich finde es erschreckend, dass Awareness teilweise immer noch als nettes Extra betrachtet wird, das man anbietet, wenn gerade genug Budget übrig bleibt. Und das, obwohl ein Awareness-Konzept in Wien mittlerweile ab einer gewissen Veranstaltungsgröße gesetzlich vorgeschrieben ist.
Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen möglichst sicher und ohne Angst vor Übergriffen feiern können. Und dafür reicht es nicht, einfach zwei Leute mit Awareness-Shirts hinzustellen. Es braucht geschulte Menschen, klare Strukturen und die Bereitschaft, tatsächlich Verantwortung zu übernehmen.
Eigentlich zieht sich dieselbe Haltung durch alles, was ich mache. Egal ob FEMpire, PURRADOX oder meine eigene Musik: Ich möchte bestehende Strukturen hinterfragen und Menschen mehr Raum geben, ihren eigenen Weg zu gehen.
Was ich beim Veranstalten allerdings auch gelernt habe, ist, wie schwierig es sein kann, den eigenen Ansprüchen tatsächlich gerecht zu werden.
Die Kosten sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Artist-Gagen, Technik, Personal, Reisekosten, Hotels – eigentlich wird alles teurer. Gleichzeitig kann man die Ticketpreise nicht unbegrenzt erhöhen, weil Clubkultur auch zugänglich bleiben soll.
Wenn man dann noch Wert auf faire Bezahlung, ein professionelles Awareness-Team und gute Arbeitsbedingungen legt, wird es finanziell schnell ziemlich eng.
Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, wie viel Geld und Arbeit hinter solchen Veranstaltungen steckt. Oft geht es längst nicht mehr darum, Gewinn zu machen, sondern überhaupt die Kosten zu decken. Und manchmal zahlt man am Ende sogar selbst drauf.
Natürlich könnte man an verschiedenen Stellen sparen. Aber gerade bei den Dingen, die mir wichtig sind, möchte ich keine Kompromisse eingehen.
Es ist relativ einfach, über Werte zu sprechen. Spannend wird es dort, wo es etwas kostet, sie auch tatsächlich zu leben.
Eigentlich sollte es nicht wirtschaftlich von Nachteil sein, eine Veranstaltung verantwortungsvoll zu organisieren. Aber manchmal fühlt es sich genau so an.
Und ich frage mich schon, wie lange das unter diesen Bedingungen überhaupt noch tragbar ist. Denn so viel Leidenschaft man auch hineinsteckt – auf Dauer sollte es nicht notwendig sein, die eigenen finanziellen Mittel zu opfern, um einen positiven Beitrag zur Szene zu leisten.
Was ich jemandem mitgeben würde, der zum ersten Mal eine eigene Veranstaltung organisiert? Überleg dir zuerst, warum du sie überhaupt machen möchtest. Was soll sie zur Szene beitragen? Was möchtest du anders machen?
Und ganz pragmatisch: Unterschätze niemals den finanziellen Aufwand. Und bau dir vielleicht schon einmal ein therapeutisches Unterstützungsnetzwerk auf.
Farben, Formen, neue Klänge.

Du beschäftigst dich auch mit Malerei und Fotografie. Gibt es eine Idee, ein Bild oder eine Arbeitsweise von dort, die sich später in deiner Musik wiedergefunden hat? Und woran würdest du gern einmal arbeiten, ohne schon an einen fertigen Track oder den nächsten Gig denken zu müssen?
Ich bin eigentlich ein total visueller Mensch. Schon als Kind habe ich ständig gemalt, gezeichnet, gebastelt und später auch fotografiert. Musik kam bei mir erst viel später dazu. Ich habe nie ein Instrument gelernt und hatte lange auch überhaupt keine Ahnung von Musiktheorie.
Ich glaube aber, dass meine verschiedenen kreativen Interessen viel stärker miteinander verbunden sind, als es auf den ersten Blick wirkt. Egal ob ich male, fotografiere oder Musik produziere, am Ende geht es für mich darum, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen oder etwas auszudrücken, das sich vielleicht gar nicht so leicht in Worte fassen lässt.
Musik hat für mich auch sehr viel mit Bildern zu tun. Bestimmte Sounds lösen sofort Farben, Formen oder ganze Szenen in meinem Kopf aus. Und gerade bei dem Sound, den ich momentan produziere, liebe ich es, ungewöhnliche, teilweise richtig weirde Klänge und Texturen zu entdecken und miteinander zu kombinieren.
Was ich aus der bildenden Kunst definitiv mitgenommen habe, ist die Freude am Experimentieren. Dinge auszuprobieren, ohne vorher genau zu wissen, was dabei herauskommt.
Ich würde deshalb gerne noch viel mehr mit Field Recordings und ungewöhnlichen Klangquellen arbeiten. Vielleicht auch einmal ein Projekt machen, das visuelle Kunst und Musik miteinander verbindet.
Und vor allem würde ich gerne wieder mehr Musik machen, ohne ständig darüber nachzudenken, ob ein Track clubtauglich ist, in welches Genre er passt oder ob ich ihn irgendwann veröffentlichen kann.
Ich glaube, das ist gerade auch ein wichtiger Teil meiner musikalischen Entwicklung: weniger darüber nachzudenken, was von mir erwartet wird, und wieder mehr darauf zu hören, was mich selbst begeistert.
Purrdition
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Bild bereitgestellt von Purrdition · SCENE:ID Bildgestaltung