Tactical Delay.
Wenn der Raum gemeinsam atmet.
Über „Haze Out“, Musik als persönliches Fotobuch und die Idee hinter Green Tea Techno.
Jonas · Tactical Delay
Nicht jeder Track muss denselben Weg nehmen. „Haze Out“ entstand in einem Uniprojekt, blieb zunächst liegen und erschien schließlich ohne große Kampagne. Für Tactical Delay gehört auch diese weichere, verträumte Seite zu seinem Sound. Im Gespräch erzählt Jonas, wie persönliche Erfahrungen in seine Produktionen eingehen, warum kleine rhythmische Veränderungen so viel bewirken und was er gemeinsam mit Jaiden Wild bei Green Tea Techno in Salzburg aufbauen wollte. Dabei wird klar, wie eng die Freiheit im Studio und das Zuhören auf dem Floor für ihn zusammenhängen.
Tactical Delay ist ein DJ und Produzent aus Salzburg. Sein Sound verbindet Trance und Bounce mit psychedelischen Einflüssen. Gemeinsam mit Jaiden Wild gründete er Green Tea Techno.
„Haze Out“ darf raus
Du hast bei „Haze Out“ beschrieben, dass der Track schon länger auf deiner Festplatte lag. Was hat beim Wiederhören den Ausschlag gegeben, ihn doch zu veröffentlichen?
„Haze Out“ ist ursprünglich im Rahmen eines Uniprojekts entstanden, bei dem ich gemeinsam mit einem Kollegen drei Tracks produziert habe. Zwei davon konnten wir relativ schnell über Labels veröffentlichen, während „Haze Out“ zunächst auf der Festplatte liegen geblieben ist.
Der Track ist etwas softer und verträumter als meine anderen Produktionen, hat aber trotzdem diesen Trance- und Bounce-Charakter, der meinen Sound ausmacht. Damals passte der Track nicht in meine Release-Planung.
Ich fand ihn aber immer schon cool und irgendwann dachte ich mir, dass er eigentlich viel zu schade ist, um einfach auf der Festplatte zu verstauben. Deshalb habe ich mich entschieden, ihn ohne große Promo-Kampagne selbst zu veröffentlichen.
Ein musikalisches Fotobuch

Wenn du im Studio etwas machst, das sich von deinen DJ-Sets unterscheidet: Wie findest du heraus, ob es trotzdem unter Tactical Delay erscheinen soll?
In den letzten Jahren habe ich musikalisch einiges ausprobiert und vor ungefähr einem Jahr hat sich für mich eine klarere Richtung entwickelt. Mein Sound bewegt sich heute hauptsächlich zwischen Trance und Bounce, kombiniert mit psychedelischen Elementen und Einflüssen aus verschiedenen anderen Genres.
Im Studio gehe ich meistens ohne festen Plan an die Sache heran. Viele meiner Tracks entstehen aus einer bestimmten Gefühlslage heraus oder sind von persönlichen Erlebnissen inspiriert. Musik ist für mich auch eine Art Ventil, um Dinge zu verarbeiten, die mich gerade beschäftigen.
Was ich daran besonders schön finde, ist, dass meine Produktionen für mich mittlerweile fast wie eine Art musikalisches Fotobuch sind. Wenn ich ältere Tracks anhöre, verbinde ich damit oft bestimmte Erinnerungen, Gefühle oder Lebensphasen, in denen die Musik entstanden ist. Jeder Song hält dadurch irgendwie auch ein kleines Stück meiner persönlichen Geschichte fest.
Natürlich orientieren sich die meisten meiner Produktionen an meinem aktuellen Sound. Trotzdem finde ich es wichtig, sich als Künstler nicht zu sehr einzuschränken. Ich schätze Artists, die experimentieren, neue Einflüsse zulassen und sich musikalisch weiterentwickeln. Nicht jeder Track muss gleich funktionieren oder erfolgreich sein. Für mich macht genau diese Freiheit einen großen Teil der Kunst aus.
Solange ich mich mit einem Track identifizieren kann und das Gefühl habe, dass er zu mir als Künstler passt, spricht für mich nichts dagegen, ihn unter Tactical Delay zu veröffentlichen.
Manchmal fühlt es sich fast so an, als würde der ganze Raum gemeinsam atmen.
Groove steckt im Zusammenspiel
Welche kleine Veränderung an einem Rhythmus macht für dich den Unterschied zwischen einem Track, der nur schnell ist, und einem, der richtig groovt?
Für mich entsteht Groove vor allem durch das Zusammenspiel der verschiedenen Drum- und Percussion-Elemente. Ich experimentiere gerne mit Hi-Hats, Rides, Claps, Snares, Bongos, Toms usw., nehme aber auch eigene Percussion-Sounds auf und gestalte sie selbst. Dabei lasse ich gerne rhythmische Einflüsse aus unterschiedlichen Genres in meine Produktionen einfließen.
Der klassische Four-to-the-Floor-Rhythmus ist in der elektronischen Tanzmusik natürlich eine wichtige Grundlage und funktioniert für mich auch immer wieder richtig gut. Gleichzeitig finde ich es spannend, mit diesem Grundmuster zu spielen, rhythmische Akzente unerwartet zu setzen oder bewusst aus gewohnten Strukturen auszubrechen.
Oft sind es gerade die kleinen Veränderungen, die einen großen Unterschied machen. Wenn beispielsweise eine zusätzliche Open Hat, eine Clap oder ein kleines Percussion-Element dazukommt, kann sich der gesamte Groove eines Tracks verändern. Genauso spannend finde ich die Wirkung von Pausen. Manchmal ist weniger tatsächlich mehr.
Ich höre selbst sehr viel unterschiedliche Musik und lasse mich gerne von verschiedenen Genres und Musikkulturen inspirieren. Das ist für mich auch eines der schönsten Dinge an elektronischer Musik: Man kann unterschiedlichste Einflüsse miteinander verbinden und daraus etwas Eigenes entstehen lassen.
Am Ende muss ein Track für mich nicht einfach nur schnell sein. Entscheidend ist, wie die einzelnen Elemente zusammenspielen und ob der Rhythmus einen wirklich mitnimmt. Oft passiert das bei mir auch gar nicht so bewusst, sondern entsteht einfach intuitiv aus dem Gefühl heraus.
Die Abende, auf die wir selbst gehen würden

Was wolltest du mit Green Tea Techno in Salzburg selbst erleben, als ihr mit den ersten Abenden angefangen habt?
Green Tea Techno habe ich damals gemeinsam mit Jaiden Wild gegründet. Wir waren zuvor schon in verschiedenen Kollektiven aktiv, hatten aber irgendwann den Wunsch, eigene Veranstaltungen genau so zu gestalten, wie wir sie uns musikalisch und konzeptionell vorgestellt haben.
Uns war von Anfang an besonders wichtig, musikalische Vielfalt zu schaffen und den einzelnen Artists die Freiheit zu geben, ihren eigenen Sound zu präsentieren. Das Besondere an unserem Kollektiv ist, dass wir alle selbst Musik produzieren, uns musikalisch aber teilweise in ganz unterschiedlichen Genres bewegen.
Genau diese Vielfalt wollten wir auch in unseren Veranstaltungen widerspiegeln. Unsere Abende sind deshalb so aufgebaut, dass sie musikalisch eine gewisse Entwicklung haben. Jeder Artist bringt seinen eigenen Stil mit, während sich die Energie und das Tempo im Laufe der Nacht immer weiter steigern. Dadurch entsteht ein abwechslungsreicher Abend, der trotz der unterschiedlichen Genres musikalisch zusammenpasst.
Ein weiterer wichtiger Punkt war für uns die Vernetzung mit anderen Artists und Kollektiven, sowohl innerhalb als auch außerhalb von Salzburg. Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der man sich gegenseitig unterstützt, neue Kontakte knüpft und gemeinsam etwas aufbauen kann. Dazu gehören mittlerweile auch Kooperationen und Kollektiv-Switches, bei denen wir uns gegenseitig einladen und unsere jeweiligen Sounds und Communities zusammenbringen.
Im Grunde wollten wir einfach die Art von Veranstaltungen schaffen, auf die wir selbst gerne gehen würden.
Wenn der ganze Raum gemeinsam atmet

Was hast du durch eure eigenen Veranstaltungen über die Leute vor dem Pult gelernt, das du beim nächsten Set anders gemacht hast?
Was ich durch unsere eigenen Veranstaltungen besonders gelernt habe, ist, wie wichtig der musikalische Aufbau eines Abends ist. Gerade das Warm-up wird meiner Meinung nach oft unterschätzt. Die Artists, die den Abend eröffnen, haben einen enormen Einfluss darauf, wie die Leute ankommen, in die Musik hineinfinden und wie sich die Stimmung im Laufe der Nacht entwickelt. Ein gutes Warm-up kann für den gesamten Abend entscheidend sein.
Bei Green Tea Techno ist uns wichtig, dass jeder Artist seinen eigenen Sound präsentieren kann. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die Crowd wahrzunehmen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Energie gerade im Raum herrscht. Man muss nicht unbedingt seinen Stil verändern, aber manchmal können schon kleine Anpassungen im Set einen großen Unterschied machen.
Was ich beim Auflegen besonders liebe, ist dieser Moment, wenn man richtig in einen Flow-State kommt. Wenn du die Energie der Crowd spürst und das Gefühl hast, dass Musik, Publikum und DJ irgendwie miteinander verschmelzen. Es ist schwer zu beschreiben, aber manchmal fühlt es sich fast so an, als würde der ganze Raum gemeinsam atmen. Das ist für mich eines der schönsten Gefühle beim Auflegen und kann definitiv süchtig machen.
Ich glaube, genau dieses Zusammenspiel zwischen dem eigenen musikalischen Ausdruck und der Energie des Publikums ist etwas, worauf ich mittlerweile noch bewusster achte.
Tactical Delay
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Michael Schletz · SCENE:ID colour treatment · Sami Jabeur · SCENE:ID colour treatment · Raphael Haas · SCENE:ID colour treatment