
VANESSASA.
Wenn alles eins wird.
Vanessa Sa über Klaviertasten, Rap-Attitude und die Menschen, die aus einem Rave mehr als einen Auftritt machen.
SOUNDLABS · DJ / PRODUCEREin Preset braucht Zeit. Eine Taste reagiert auf den Anschlag. Und irgendwann steht ein Arrangement, über das eine Rap-Stimme genau die richtige Haltung legt. Vanessa Sa erzählt von Techno als etwas, das zuerst durch ihre Hände geht — und dann zwischen DJ, Crew und Publikum weiterlebt.
Die Wiener DJ und Produzentin bewegt sich zwischen Psytechno, Hardgroove und Bounce. Soundlabs ist ihr Kollektiv und, wie sie es nennt, ihre Technofamily. In diesem Gespräch führt ihr Weg vom Keyboard über That Bassline bis zum Closing am Karlsplatz: fünf Einblicke in eine Praxis, die sich am Gefühl orientiert, ohne die gemeinsame Arbeit dahinter auszublenden.
Die Hände erinnern sich.
Die Klaviertasten verschwinden nicht, nur weil die Musik elektronisch wird. Sie bleiben Vanessas Zugang zu Klang, Dynamik und Timing. Ein Synthesizer erweitert diese vertraute Bewegung; die Vocals kommen später und bringen eine andere Sprache in das Arrangement.
Du hast als Kind klassisch Klavier gelernt, später haben dich Hip-Hop und Rap geprägt. Wenn du heute einen Track baust: Wo begegnen sich diese beiden Welten noch? Fällt dir ein eigener Track ein, an dem du das besonders gut erklären kannst?
Das Muster zieht sich durch praktisch alle meine Tracks. Ich spiele alles außer Kick, Percussions und Vocals übers Keyboard ein. Jedes Preset reagiert anders auf den Anschlag einer Taste, braucht unterschiedlich viel Zeit, um sich zu entfalten und optimal zur Geltung zu kommen. In Wahrheit spiele ich eigentlich die ganze Zeit Klavier – nur mit unendlich vielen tonalen Möglichkeiten. Sobald mein instrumentales Arrangement steht, liebe ich es, Rap‑ oder MC‑Vocals für die richtige Attitude drüberzustreuen.
In Wahrheit spiele ich eigentlich die ganze Zeit Klavier – nur mit unendlich vielen tonalen Möglichkeiten.
Eine Idee, die bleibt.
Ob ein Jam zum Track wird, entscheidet sich für Vanessa nicht an einer Checkliste. Die Idee muss auch dann noch tragen, wenn der erste Reiz längst vorbei ist. Bei That Bassline kann sie dieses Gefühl konkret beschreiben: Synthesizer, Groove und Stimme finden zusammen.

Mit „Voyager“, „Dizzy“ und weiteren Tracks hast du eigene Musik auf Fempire veröffentlicht. Such dir gern einen davon aus: Welche kleine Idee stand ganz am Anfang – und wann wurde daraus etwas, bei dem du dachtest: Ja, das bin ich?
Jedes neue Projekt startet aus dem Bauchgefühl heraus. Damit aus einem Jam ein konkreter Entwurf wird, muss es echt mit mir resonieren. Das lässt sich weniger an bestimmten Kriterien festmachen – ich spüre schnell, ob ich einen Track wirklich fühle. Dann weiß ich, dass ich die Idee auch nach hundertmal Hören noch mag. Bei That Bassline zum Beispiel war die Kombination aus dem sägenden Synthesizer, psychadelischem Groove und female Vocals genau das, was für mich das gewisse Etwas ausgemacht hat.
Technofamily, ganz praktisch.
Die Crew ist hier mehr als ein Name auf dem Line-up. Bar, Technik und Bühne entstehen durch gemeinsame Arbeit. Vanessa spricht von Vertrauen, Verantwortung als DJ Lead und dem Moment, in dem beim Closing alle wieder zusammenkommen.

Bei Soundlabs gehört „Rave meets Charity“ zur Idee. Was hat dir diese Crew gegeben, das du allein als DJ vielleicht nicht gefunden hättest? Erzähl gern von einem Moment, in dem du gemerkt hast, dass es für dich um mehr geht als den nächsten Auftritt.
Die Zugehörigkeit zu Soundlabs war für mich ein Sprungbrett als DJ. Aber weit darüber hinaus sind die Menschen dort meine Technofamily geworden. Alleine kann niemand Events in dieser Größenordnung organisieren. Als gut eingespielte Crew lässt sich nicht nur ein Event durchziehen, sondern auch ein eigener Space schaffen, künstlerische Konzepte zum Leben erwecken, Einnahmen an NGOs spenden und gleichzeitig Techno feiern. Hier sind Menschen mit den richtigen Werten und Fähigkeiten zusammengekommen. Und es freut mich umso mehr, das Vertrauen des Teams zu haben und DJ Lead im Kollektiv zu sein.
Der Resselrave mitten am Karlsplatz war neben kleinen TU‑Parties unser erstes Event. Es ist jedes Mal beeindruckend, wie das Team zusammenarbeitet und wie ein Uhrwerk Bar, Technik und Bühne aus dem Boden stampft. Beim Closing Slot ist es Tradition geworden, dass die gesamte Crew im Booth mit der Crowd gemeinsam abgeht. Das ist jedes Mal ein Gänsehautmoment voller Liebe.
Der Dancefloor hat keine Tür.
Im Club kommt das Publikum mit einer bewussten Entscheidung. Draußen kann die erste Begegnung zufällig sein. Vanessa interessiert genau dieser offene Moment: wenn jemand stehen bleibt und in einer Musik etwas findet, das er oder sie dort nicht erwartet hätte.

Du hast beim Melange à Trois auf der Donauinsel gespielt, im Rahmen von Free Spaces. Was verändert sich für dich beim Auflegen, wenn Menschen draußen einfach dazukommen können, statt sich bewusst für eine Clubnacht zu entscheiden? Erinnerst du dich an eine Begegnung oder Reaktion von diesem Tag?
Wenn Menschen in einen Club gehen und Eintritt zahlen, haben sie eine gewisse Erwartungshaltung an den Sound. Was ich bei Open Airs mit Laufpublikum so spannend finde, ist, dass Menschen, die sich selbst vielleicht nicht als technoaffin bezeichnen würden, mit meinem Sound in Berührung kommen. Ich habe mittlerweile öfter von Leuten gehört, dass sie gar nicht damit gerechnet hätten, diese Art von Techno so zu feiern. Genau das macht uns DJs aus: Musik und Emotionen zu Menschen zu bringen, die vielleicht gar nicht geglaubt hätten, dass es etwas in ihnen auslöst.
Spannung braucht Luft.
Härte allein trägt kein ganzes Set. Ein Groove kann Raum schaffen, damit der nächste Höhepunkt wieder etwas bedeutet. Hinter dem Genrewechsel liegt für Vanessa deshalb eine zusammenhängende Bewegung: Spannung aufbauen, lösen und den Kontakt zum Publikum halten.
Du legst dich musikalisch nicht auf ein Genre fest. Wenn du im Set von etwas Hypnotischem zu etwas Verspieltem oder Härterem wechselst: Woran merkst du, dass du die Leute mitnehmen kannst? Gab es einen Wechsel, bei dem dich die Reaktion selbst überrascht hat?
Solange der Flow nicht unterbrochen wird, ist alles erlaubt. Ich bereite meine Sets stilistisch aber schon passend für das Event vor, auf dem ich gebucht bin. Trotzdem ist es erfrischend, manchmal einen Track aus einem anderen Genre einzubauen. Gerade zwischen sehr harten und droplastigen Tracks kann der passende Groove‑Track wie eine kurze Verschnaufpause wirken und den Build‑Up für den nächsten Drop noch stärker machen. So lässt sich Spannung über das ganze Set hinweg auf‑ und abbauen. Und wenn das aufgeht und sich DJ, Crowd und Musik verbinden - dann ist alles eins.