
AUSLÄNDER
HAUS!
Ein Haus für alle.
Von Kairo nach Wien: Zeidan alias DJ ZIDI über Ausländer Haus!, ein zurückerobertes Wort und die Wärme einer gemeinsamen Tanzfläche.
ZEIDAN · DJ ZIDI · SOUTHGEMACHTZwei Menschen bleiben vor einem Plakat stehen. Sie glauben, eine Parole gelesen zu haben, die Ausländer zum Gehen auffordert. Zeidan zeigt auf das H. Dann kommen das Lachen, ein Gespräch — und, wie er erzählt, zwei weitere Menschen auf der Tanzfläche. Zwischen Ausgrenzung und Einladung liegt ein einziger Buchstabe. Ausländer Haus! macht aus dem, was danach passiert, eine ganze Nacht.
VIENNA
Bevor Ahmed Zeidan in Wien Nächte gestaltete, hatte er in Kairo bereits einen Ort für Musik geschaffen. 2014 gründete er Room Art Space: einen unabhängigen Raum für Livemusik, Performance und kulturellen Austausch. Nach seinem Umzug nach Wien gründete er Southgemacht, den Verein hinter Ausländer Haus!. Als DJ ZIDI bringt er diese Arbeit auf die Tanzfläche: House und Hip-Hop treffen auf arabische, kurdische, nordafrikanische und weitere musikalische Welten. Seine aktuelle Biografie blickt auch nach vorn — auf eine Rolle als Gastkurator des Salam Festival 2027.
So groß wie ein Club. So nah wie eine Hausparty.
Die Größe eines Clubs, die Nähe einer Hausparty: Nach dieser Verbindung hatte Zeidan gesucht. Ausländer Haus! entstand aus einem fehlenden Gefühl, nicht aus einem fehlenden Genre. Die Tanzfläche wird zum Ort, an dem eine kuratorische Idee auf die Menschen trifft, für die sie gedacht ist.
Was hat dir im Wiener Nachtleben gefehlt, als du Southgemacht gegründet hast? Gab es bei einer eurer ersten Nächte einen Moment, in dem du dachtest: Genau deshalb machen wir das?
Als ich 2020 nach Wien zog, wollte ich unbedingt das Nachtleben entdecken. Ich ging von Club zu Club, von Party zu Party, mit einem Hunger, den ich nicht richtig stillen konnte. Irgendwann wurde mir klar: Ich suchte eine Party, die groß genug war, um Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen, aber die Wärme einer Hausparty hatte. Freundliche Gesichter, Musik, die die Hüften in Bewegung bringt, Lächeln auf der Tanzfläche und ein Gefühl von Verbindung, Zusammenhalt und vor allem Sinn.
Das konnte ich nur schwer finden. Deshalb beschloss ich, einen Raum zu schaffen, der dieser Vorstellung entsprach. Anfangs wusste ich nicht, was mich erwarten würde, aber die Resonanz hat mich bald umgehauen. Mir wurde klar, dass ich mit diesem Hunger nicht allein war. Als ich sah, wie stark sich die Menschen mit dem verbanden, was wir machten, hatte ich das Gefühl, dass wir etwas Besonderes gefunden hatten.
Wenn ich heute bei Ausländer Haus auf die Tanzfläche schaue, sehe ich Menschen aus so vielen unterschiedlichen Hintergründen zusammen tanzen — mit einem großen Lächeln und einer unglaublichen Freiheit in ihren Bewegungen. Dieses Gefühl von Freude und Solidarität, das auf gemeinsamen moralischen und politischen Werten beruht, lässt mich denken: Ja, genau deshalb haben wir angefangen.

Ein Buchstabe verändert den Raum.
Der Name trägt die politische Frage auf die Straße, noch bevor jemand die Decks erreicht. „Ausländer“ zurückzuerobern bedeutet für Zeidan, sich seine Rolle in einer Stadt, zu der er gehört, nicht von anderen vorgeben zu lassen. Der Witz auf dem Plakat führt zu einem ernsthaften Ziel: einem Raum, dessen Gastgeber ihre Bedingungen selbst setzen.
„Ausländer Haus!“ ist ein Name, der hängen bleibt. Wie bist du darauf gekommen, und gibt es eine Reaktion darauf, an die du dich bis heute erinnerst?
Als Einwanderer, der inmitten einer Welle migrationsfeindlicher Rhetorik ankam, lernte ich schnell, welches Gewicht das Wort „Ausländer“ hat. Ich rang damit, wie ich mich dabei fühlte. Europäer, die in Kairo lebten, wurden „Expats“ genannt. Dann zog ich nach Wien, mit der naiven Vorstellung, als gleichwertig wahrgenommen zu werden — und plötzlich war ich ein „Ausländer“. Mit der Zeit begann ich, mir das Wort zurückzuholen und es mit Stolz zu tragen. Diese Erzählung zu verändern, wurde Teil der Rolle, die ich in der Gesellschaft spielen wollte, zu der ich jetzt gehöre.
Bei unseren Partys geht es nicht darum, beweisen zu müssen, dass wir hineinpassen, oder nur als Opfer von Rassismus gesehen zu werden. Es sind Räume, in denen wir die Bedingungen setzen und dieser Gesellschaft ein Geschenk machen. Wir sind die Könige und Königinnen der Nacht, und alle sind eingeladen, mit uns zu feiern.

Bevor wir bekannter wurden, gab es ein paar Situationen, in denen ich Plakate aufhängte und bemerkte, dass Menschen erschrocken oder schockiert reagierten. Sie hatten „Ausländer raus“ statt „Ausländer Haus“ gelesen. Ich lächelte und wartete, bis sie das H bemerkten. Meist endete es mit einem erleichterten Lachen und einem interessanten Gespräch. Einmal standen zwei Freunde schockiert vor dem Plakat und diskutierten, während ich immer wieder auf das H zeigte. Es dauerte überraschend lange, bis sie es sahen. Dieser Moment ist mir wirklich geblieben — und endete wieder mit einem großen Lachen, einem politischen Gespräch, das Herzen öffnete, und zwei weiteren großartigen Tänzern auf unseren Tanzflächen.
Ein Klang von zu Hause. Ein Raum, der zuhört.
Wiedererkennen kann mitten im Set passieren. Ein afghanischer Popsong braucht keine Ankündigung als Lektion über Vielfalt. Er kann einem Menschen das Gefühl geben, gesehen zu werden, während alle um ihn herum weitertanzen. Zeidans Antwort gibt dieser Idee ein konkretes Gesicht und einen konkreten Song.
Eure Nächte bringen unterschiedliche musikalische Hintergründe auf dieselbe Tanzfläche. Erinnerst du dich an einen Track oder Übergang, der eine unerwartete Reaktion ausgelöst hat? Was ist passiert?
Ich beobachte das Publikum immer, wenn ich einen Track aus einer Region spiele, die in der lokalen Clubszene nicht oft zu hören ist. Es ist unglaublich erfüllend, wenn jemand ganz hinten plötzlich vor Freude aufschreit, weil er einen vertrauten Song in einem Wiener Club erkennt.

Einmal spielte ich „Gonjeshkake“ von Vale, einen großartigen Pophit aus Afghanistan. Nach meinem Set kam ein junger Mann mit afghanischen Wurzeln zu mir und sagte, es sei das erste Mal in seinem Leben, dass er einen afghanischen Dance-Track in einem Club in Europa gehört habe. Er hätte sich nie vorstellen können, so viele Menschen um sich herum — an diesem neuen Ort, den er sein Zuhause nennt — zu dieser Musik springen und tanzen zu sehen. Das hat ihn sehr berührt. Genau solche Momente suchen und schätzen wir: Jemand hört einen Klang von zu Hause und sieht, wie ein ganzer Raum sich damit verbindet.
Noch vor dem ersten Beat.
Die Workshops erweitern die Nacht über Auswahl und Mixing hinaus. Bevor die Party beginnt, lernen Menschen gemeinsam etwas Unvertrautes. Diese geteilte Unsicherheit öffnet einen Zugang zum Raum: Neugier tritt an die Stelle des Drucks, schon wissen zu müssen, wie man dazugehört.
Ihr habt auch Tanzworkshops in eure Veranstaltungen eingebunden. Was verändert sich zwischen Menschen, wenn sie vor der Party gemeinsam etwas lernen oder ausprobieren?
Die Workshops schaffen ein Gefühl von Verbindung, noch bevor die Party beginnt. Wenn die Musik losgeht, ist die Energie schon da, und eine Gruppe Fremder fühlt sich allmählich wie Freunde.

Tanzbewegungen aus unterschiedlichen Teilen der Welt auszuprobieren, kann uns helfen, aus den Erwartungen einer überwiegend weißen Nachtlebensszene auszubrechen und den Druck loszulassen, auf eine bestimmte Weise aussehen oder handeln zu müssen, um akzeptiert zu werden. Gemeinsam etwas Unvertrautes zu lernen, gibt Menschen die Möglichkeit, neugierig zu sein und sich zu verbinden.
Als Einwanderer probieren wir ständig Neues aus, allein dadurch, dass wir an einem neuen Ort leben. Wir kennen die Freude daran, aber auch die Herausforderungen. Die Workshops laden alle ein, ein kleines Stück dieser Erfahrung zu teilen.
Die Wärme mitnehmen.
Am 25. Oktober 2026 kommt Ausländer Haus! zum Abschluss von Positive Futures in die PMK nach Innsbruck. Zeidans Plan beginnt damit, den Menschen zuzuhören, die dort bereits Räume schaffen. Aus Wien reist eine Haltung mit: Platz für Überraschungen lassen und das Willkommen spürbar machen.
Für die Nacht mit Positive Futures bringt ihr Southgemacht nach Innsbruck. Was möchtest du über einen neuen Ort herausfinden, bevor du dort spielst — und was aus euren Wiener Nächten mitbringen?
Wir freuen uns wirklich sehr darauf! Innsbruck ist eine Stadt, in die wir unsere Geschichte schon lange bringen wollten. Positive Futures fühlt sich wie eine wunderbare Gelegenheit an, mit der lokalen Community in Kontakt zu kommen und mit einem so kreativen und inspirierenden Team zusammenzuarbeiten.
Bevor wir an einem neuen Ort spielen, möchten wir die lokale Szene verstehen: Wer schafft Räume, wozu tanzen die Menschen, und welche Klänge und Communities bekommen weniger Gelegenheit, gehört zu werden? Ich möchte, dass wir neugierig ankommen und von den Menschen lernen, die dort schon etwas bewegen — während wir unsere eigenen Erfahrungen mitbringen.
Aus Wien, Kairo, Chile und Uganda wollen wir die Wärme, Offenheit und musikalischen Überraschungen unserer Nächte mitbringen. Die Menschen sollen etwas Vertrautes hören, etwas Unerwartetes entdecken und sich wohlfühlen, wenn sie die Tanzfläche teilen. Vor allem wollen wir dieses Hauspartygefühl mitbringen: einen Raum voller Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, die sich sicher fühlen und wissen, dass sie zu etwas Größerem und einem gemeinsamen Kampf gehören.