ID: INTERVIEW · AUSTRIA

Hannes Strobl.

Vertrautes plötzlich anders hören.

Hannes Strobl über Innsbruck als akustischen Raum, den Widerstand aufgenommener Klänge und das Eigenleben von Resonance IBK im Stereoformat.

Im Gespräch mit Hannes Strobl
Hannes Strobl
Foto: Courtesy of Hannes Strobl

Hoch über Innsbruck bleibt die Stadt hörbar, selbst wenn der Blick ganz den Bergen gehört. Hannes Strobl interessiert dieses Spannungsverhältnis von Entfernung und Gegenwart. Für Resonance IBK hat er Klänge im Inntal aufgenommen und mit E-Bass, E-Kontrabass und Elektronik in einen Dialog gebracht. Unser E-Mail-Gespräch handelt von Hörpositionen, den Posaunen-Interludes von Christof Dienz und der Frage, warum ein Album einen eigenen Raum braucht.

Strobl ist in Innsbruck aufgewachsen und lebt in Berlin. Seine Arbeit verbindet Instrumentalspiel, Field Recordings und Live-Elektronik. Resonance IBK entstand 2025 als räumliche Komposition im Auftrag von Klangspuren Schwaz; das Album erschien am 25. September 2026 bei Room40. In seinen Antworten beschreibt er den Weg von der ehemaligen Fabrikhalle in St. Bartlmä zum Stereobild.

01 / IM GESPRÄCH

Die Stadt reicht bis in die Berge.

Du bist in Innsbruck aufgewachsen und lebst heute in Berlin. Als du für „Resonance IBK“ wieder durch Innsbruck gegangen bist: Welcher Klang war dir sofort vertraut, und was hast du plötzlich anders gehört? Gibt es einen Ort, an dem sich das besonders gezeigt hat?

Was mich an Innsbruck immer fasziniert hat, ist, wie weit sich die Klänge der Stadt bis hinauf in die Berge ausbreiten. Oben bist du visuell mitten in der Natur, hörst aber gleichzeitig, was sich unten im Tal und in der Stadt abspielt. Die Topografie und unsere Hörposition bestimmen, was wir hören und wie wir es wahrnehmen. Genau das finde ich musikalisch interessant.

02 / IM GESPRÄCH

Zwei Seiten, ein Klangraum.

Für die Arbeit hast du gleichzeitig auf beiden Seiten des Inntals aufgenommen. Was wurde durch diese zwei Perspektiven hörbar, das eine Aufnahme allein nicht gezeigt hätte? Gab es beim Zusammenhören etwas, das dich überrascht hat?

Mich hat interessiert, wie sich der Klang über das Inntal verteilt und welche Rolle die Topografie dabei spielt. Durch die zeitlich synchronen Aufnahmen von beiden Talseiten (Part 4) entsteht ein räumliches Klangbild, mit dem ich kompositorisch arbeiten kann. Ich untersuche, wie sich die Aufnahmen zueinander verhalten, welche Klänge sich überlagern und welche räumlichen Beziehungen dadurch hörbar werden. So kann beispielsweise ein Klang zunächst auf der einen Talseite wahrnehmbar sein und später auch auf der anderen hervortreten.

Gerade dieser Widerstand ist für mich produktiv, weil er mich dazu bringt, gewohnte musikalische Wege zu verlassen und neue klangliche Lösungen zu finden.
03 / IM GESPRÄCH

Mit Aufnahmen in einen Dialog treten.

Hannes Strobl im Studio mit seinem E-Bass
Foto: Courtesy of Hannes Strobl

Du beschreibst die Stadtaufnahmen als Ausgangspunkt für die Musik, nicht als bloße Dokumentation. Kannst du uns an einem Geräusch erzählen, wie daraus eine Idee für deinen E-Bass oder E-Kontrabass geworden ist? Was hast du dabei mit den Händen am Instrument ausprobiert?

Ich untersuche die Field Recordings auf ihre musikalischen Eigenschaften – Rhythmen, Tonhöhen, Klangfarben und Resonanzen. Über viele Jahre habe ich am Instrument eine eigene musikalische Sprache entwickelt, die es mir ermöglicht, mit den Field Recordings in einen Dialog zu treten. Ich setze die Aufnahmen mit Bass und Elektronik in neue klangliche Beziehungen. Mich interessiert, wie sich dadurch die Wahrnehmung der ursprünglichen Klänge verschiebt und wir Vertrautes plötzlich anders hören.

04 / IM GESPRÄCH

Neue Hörperspektiven.

Christof Dienz hat die Zwischenstücke für vier Posaunen komponiert. Wie habt ihr gemeinsam herausgefunden, welche Aufgabe diese Stimmen zwischen den größeren Teilen haben? Gab es eine Idee von ihm oder den Musiker:innen, durch die du deine eigene Arbeit noch einmal anders gehört hast?

Christof und ich kennen uns schon lange. Seine Interludes für vier Posaunen setzen einen eigenen klanglichen Akzent innerhalb der Komposition. Sie schaffen Übergänge zwischen den größeren Teilen und verändern den Blick auf das bisher Gehörte. Mich interessiert, wie sich die unterschiedlichen Klangmaterialien aufeinander beziehen und dadurch neue Hörperspektiven entstehen.

05 / IM GESPRÄCH

Ein eigener Raum im Stereoformat.

In St. Bartlmä war die ehemalige Fabrikhalle selbst Teil der Komposition. Jetzt kann man „Resonance IBK“ als Album hören, ohne dort zu sein. Welche Entscheidungen waren dir bei dieser Fassung besonders wichtig? Was möchtest du von dem räumlichen Erlebnis weitergeben, und was darf beim Hören zu Hause neu entstehen?

Für das Album habe ich neues Material entwickelt, unter anderem mit David Moss (Stimme) und Elena Kakaliagou (Horn). Dabei ging es auch darum, eine eigenständige Fassung zu schaffen, die im Stereoformat funktioniert. Die räumliche Situation der Fabrikhalle lässt sich nicht einfach übertragen. Stattdessen habe ich die Klänge im Stereobild neu angeordnet und zueinander in Beziehung gesetzt – in ihrer Position, ihrer Nähe und Distanz und in der Art, wie sie sich überlagern.

Resonance IBK ist für mich eine Auseinandersetzung mit Innsbruck als akustischem Raum und den musikalischen Möglichkeiten seiner Klänge.

Über viele Jahre habe ich am E-Bass und E-Kontrabass eine eigene musikalische Sprache entwickelt, die es mir ermöglicht, mit den Field Recordings in einen Dialog zu treten. Dabei ist das aufgenommene Material nicht immer leicht mit instrumentalen Klängen zu verbinden. Es entsteht eine Art Widerstand, der sich nicht einfach auflösen lässt. Gerade dieser Widerstand ist für mich produktiv, weil er mich dazu bringt, gewohnte musikalische Wege zu verlassen und neue klangliche Lösungen zu finden.

Zusammen mit der Elektronik und den Beiträgen der anderen Musiker entsteht daraus eine eigenständige kompositorische Form. Die Posaunen von Christof Dienz eröffnen dabei eine weitere klangliche Perspektive auf das Material. Das Album ist keine bloße Dokumentation der ursprünglichen Komposition für die Fabrikhalle, sondern eine eigenständige Fassung mit einer eigenen räumlichen und klanglichen Dramaturgie.

WEITERENTDECKEN

Hannes Strobl

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Courtesy of Hannes Strobl