Woschdog.
Einen seltenen Vogel muss man pflegen.
Woschdog über gemeinsam erfundene Musik, Instrumente mit unerwarteten Stimmen und den Moment, den kein Konzert wiederholen kann.
Im Gespräch mit Woschdog
Eine Idee wird mit Ableton hingemalt. Dann kommen Wörter, eine Melodie, eine andere Struktur. Zither, Cello und Schlagzeug schreiben sich in das Bild hinein. Bei Woschdog gehört der Anfang oft einer Person — wohin das Stück geht, entscheidet sich erst zwischen allen fünf. Für unser Gespräch haben sie ihre Antworten gemeinsam besprochen. Es geht um die EP moloch, um weniger gemeinsame Zeit als früher und um das schöne Risiko, den anderen eine Idee zu überlassen.
Ingrid Lang, Lukas Lauermann, Karl Stirner, Sebastian Seidl und Johannes Wakolbinger verbinden Wiener Texte mit Elektronik, Zither, Cello und Schlagzeug. Dieses Gespräch entstand im Vorfeld ihres angekündigten Auftritts bei Jazz & The City im Salzburger Jazzit am 17. Oktober 2026. Sie erzählen, wie ihre Musik entsteht — und weshalb sie live immer ein kleines bisschen anders bleibt.
Jede Stimme malt weiter.

Ihr habt im früheren mica-Gespräch erzählt, dass eure Proben oft erst mit langem Plaudern beginnen. Hat sich mit den Jahren verändert, wie daraus Musik entsteht? Nehmt uns gern bei einem Stück von moloch mit: Was lag zuerst auf dem Tisch, und wer hat die Idee als Nächstes weitergedreht?
Wir reden immer noch sehr gerne miteinander, aber ja, die gemeinsame Zeit ist im Vergleich zu damals leider weniger geworden. Ich (Ingrid) kann sagen: Ich find’s blöd. Redet mehr mit mir, seid öfter da, verdammt noch einmal. Einen so schönen, seltenen Vogel muss man pflegen.
Die erste musikalische Idee kommt oft von Sebastian. Er malt sie mit Ableton hin. Dann kommen Text, Melodie und die dem Text angepasste Struktur von Ingrid dazu und dann die Kompositeure Karl, Lukas und am Schluss Johannes mit den Drums. Jede Stimme komponiert sich selbst hinein in das Bild. Es ist ein schöner und überraschender Prozess.
Oder Karl schickt zum Beispiel einen weirden Loop, der „heute feiern“ heißt. Ingrid behauptet dann, dass das aber „Pause“ heißen müsste und wir unbedingt viele Maschinen brauchen und uns in die „Stille“ der Natur bewegen müssen, was Sebastian dann produziert. Wenn Lukas das vorläufige Ergebnis daraus dann in die Hände bekommt, wird es ohnehin immer noch viel schöner, als man es sich je hätte vorstellen können (das hat er nicht selbst geschrieben).
Einmal waren wir zu viert (alle außer Johannes) ein paar Tage in einem Haus und da sind dann gemeinsame Dinge entstanden. War sehr schön.
Es ist eh alles da.

Bei euch treffen Elektronik, Zither, Cello und Schlagzeug aufeinander. Gab es bei moloch einen Klang, bei dem selbst ihr erst einmal genauer hinhören musstet, weil nicht mehr klar war, welches Instrument ihn eigentlich erzeugt? Wie ist er entstanden?
Haha. Ja, das fragen sich viele, was da eigentlich wer spielt.
Letztens sagte eine Frau, die sich zum Soundcheck verirrt hat: „Man hört die Zither und das Cello gar nicht.“ Und sie meinte, der Tontechniker müsste sie lauter drehen. Wir haben ihr gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen muss: Es ist eh alles da, sie hört es nur nicht, weil es anders klingt.
Wir wissen meistens schon, wer was macht. Im Zweifelsfall kommt es vom Lukas.
Jede Stimme komponiert sich selbst hinein in das Bild.
Wörter und Melodien zugleich.

Ingrids Wiener Texte haben ihren eigenen Rhythmus. Hat ein Wort, eine Betonung oder eine Textzeile schon einmal dazu geführt, dass ihr einen Beat oder eine Melodie noch einmal verändert habt? Erinnert ihr euch an ein konkretes Beispiel?
Ingrid schreibt die Melodien immer mit dem Text gemeinsam, dadurch geht sich das dann eh immer aus.
Die anderen machen, was sie wollen.

Sebastian, du kommst auch aus Techno und Drum & Bass. Was aus dieser Arbeit steckt heute noch in Woschdog — und was machen die anderen mit einer elektronischen Idee, das du allein im Studio vielleicht nie ausprobiert hättest?
Herauszuhören sind Techno und Drum & Bass inzwischen wohl nicht mehr, glaube ich. Ich bin damit persönlich halt vorbelastet, alles, was danach kam, ist dadurch irgendwie beeinflusst. Der Workflow beim Erfinden hat sich aber kaum verändert, der ist immer noch sehr loop-basiert.
Das Schöne an der Zusammenarbeit innerhalb dieser Band ist, dass ich keine Ahnung habe, was jede und jeder Einzelne mit einer Idee anfangen wird. Die lassen sich auf alles ein und machen zum Glück, was sie wollen, und das ist auch immer genau das Richtige.
Jeder von uns ist unerlässlich für den Sound und auch unersetzbar, um ihn live wiederzugeben.
Ein anderer Abend.

Am 17. Oktober spielt ihr beim Jazz & The City im Jazzit. Was passiert mit euren Stücken zwischen Aufnahme und Konzert? Gibt es eine Stelle, auf die ihr euch live besonders freut, weil sie jedes Mal ein wenig anders wird?
Es ist manchmal schon herausfordernd, die fertig produzierten Songs für ein Live-Set zu arrangieren. Hin und wieder brauchen wir dann doch auch Samples und wir überlegen gerade sehr stark, in Zukunft mit In-Ear-Monitoring und Klick zu spielen. Das würde dem Sound noch mehr Klarheit bringen, innerhalb derer man live immer noch genügend freie Momente finden kann.
Es ist im Konzert immer alles ein kleines bisschen anders — ein anderer Abend, ein anderes Publikum, andere Zustände von uns, man hört sich auch in jedem Raum immer neu. Das ist grundsätzlich sehr, sehr schön und feiert den gemeinsamen Moment.
Einmal haben wir ein Lied doppelt so schnell gestartet und das durchgezogen. Das war ein bisschen viel anders.
Was im Jazzit das erste Mal dann wie klingen wird oder sonst so passiert, bleibt spannend. Wir freuen uns jedenfalls auf alles.
Woschdog
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Marcel Köhler · Stephan Mussil