techNOage.
Die Gäste sind die Headliner.
Tatjana von techNOage über Vertrauen, Vinyl und eine Tanzfläche, auf der sich unterschiedliche Generationen wirklich eingeladen fühlen.
Im Gespräch mit Tatjana · SNDR_XONE
Ein Clubbesuch beginnt lange vor dem ersten Track. Mit einer Einladung, die jemanden tatsächlich meint. Mit einer Uhrzeit, die zum eigenen Alltag passt. Mit einem freundlichen Empfang und der Möglichkeit, sich hinzusetzen. Tatjana denkt bei techNOage vom Gast aus — und erzählt, wie daraus ein gemeinsamer Nachmittag mit anspruchsvoller Clubmusik wird.
Das Wiener Format verbindet Techno mit Begegnungen zwischen Generationen. Im Gespräch geht es um praktische Zugänge, erste Schritte am Mischpult und die musikalische Aufmerksamkeit hinter einem Set. Kaffee, Kuchen und freiwillige Spenden gehören genauso zu dieser Geschichte wie Vinyl und ein gut gesetzter Tempowechsel.
Eine Einladung, die dich meint.

Du schreibst, dass bei techNOage vieles anders gedacht werden muss als im üblichen Clubbetrieb. Was musstet ihr als Erstes verändern, damit sich auch Menschen willkommen fühlen, die sonst nicht in einen Club gehen?
Am wichtigsten war, glaube ich, in der Werbung unsere Zielgruppen direkt zu benennen. Wir betonen, dass wir Senior*innen, Menschen mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen, Eltern sowie Raver von damals und heute einladen. Unsere Zielgruppen wollen gesehen und eingeladen werden. Ich finde generell, dass Inklusion nur funktioniert, wenn wir Systeme an die vulnerablen und marginalisierten Mitglieder unserer Gesellschaft anpassen, um gemeinsam stark zu sein.
Dazu gehört zum Beispiel, die Veranstaltungszeiten auf die Zielgruppen auszurichten. Die Veranstaltungen müssen zu Tageszeiten stattfinden, die es wirklich allen ermöglichen zu kommen.
Wichtig sind ein wohlwollender Empfang, Begrüßung, Sichtbarkeit und Freundlichkeit. Gerade bei Menschen, die noch nie im Club waren oder chronisch krank sind, muss man Vertrauen vermitteln, damit sie sich wohlfühlen und entspannen können.
Dazu kommen barrierefreiere Zugänge und WCs – sehr viele Clubs haben keinen barrierefreien Zugang –, Sitzmöglichkeiten sowie ausgewogene Licht- und Soundverhältnisse: nicht zu dunkel und nicht zu laut.
Außerdem braucht es klare Hinweise auf Privatsphäre und ein respektvolles Miteinander. Meine Gäste sollen sich sicher fühlen. Ich möchte nicht, dass Menschen ohne ihr Einverständnis fotografiert werden.
Wenn Begegnung etwas verändert.

Kannst du dich an eine Begegnung auf eurem Dancefloor erinnern, bei der du gemerkt hast: Genau deshalb lohnt es sich, verschiedene Generationen zusammenzubringen?
Solche Momente gibt es bei fast jeder Veranstaltung. Florian sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum bewegen. Er kommt regelmäßig mit seiner Betreuerin, wippt auf seinem Stuhl hin und her, schreit vor Freude und liebt es, von der Nebelmaschine eingenebelt zu werden. Das erfüllt mich enorm.
Oder die 87-jährige Rita, die zum ersten Mal mit ihrer Tochter kam: Sie trinkt Kaffee, tanzt und sagt, dass sie bei uns sehr viel Freude erlebt hat, obwohl es ihr nach dem Verlust ihres geliebten Mannes gerade sehr schlecht geht. Auch die Mischung aus jungen und älteren Menschen war perfekt.
Andere Stammgäste leben mit unsichtbaren Krankheiten und heben sich ihre ganze Kraft für dieses Event auf, um wieder Lebendigkeit zu empfinden.
Das ist unglaublich erfüllend für mich!
Für vulnerable und marginalisierte Zielgruppen sind die Headliner nicht das Entscheidende, sondern die Gastgeber*innen, Vertrauen und gute Musik.
Von der Tanzfläche ans Mischpult.

Was möchtest du älteren Menschen mitgeben, wenn sie selbst das Auflegen ausprobieren und von der Tanzfläche ans Mischpult wechseln?
Ich möchte ihre Neugier wecken, selbst Musik zu machen oder Musik neu für sich zu entdecken. Das muss nicht für den Club sein. Es kann auch zu Hause sein, bei eigenen Raves, Geburtstagsfesten, Gartenpartys oder in Senior*innenwohnheimen: die eigene Lieblingsmusik auflegen und tanzen.
Mit der heutigen Technik geht das wunderbar, und der Beat-Sync-Button ist dabei sehr sinnvoll. So können wir das Miteinander fördern, das Selbstbewusstsein stärken und dazu beitragen, dass man sich im Alter nicht allein fühlt.
Ich wünsche mir seit Jahren, DJ-Workshops in Senior*innenwohnheimen, Frauenhäusern sowie Kinder- und Jugendzentren anzubieten. Bisher fehlen mir dafür die finanziellen Mittel und Mitwirkende – noch!
Fünf Jahrzehnte im Plattenkoffer.

Wie gehst du musikalisch an einen Nachmittag heran, an dem erfahrene Raver*innen und Menschen zusammenkommen, die Techno gerade erst für sich entdecken?
Das ist eine sehr wichtige und gute Frage. Zu Beginn darf es nicht überfordernd sein, nicht zu schnell oder zu experimentell. Eher harmonisch und zugleich herausfordernd: Neues, Altes und Bekanntes. Gleichzeitig muss es anspruchsvolle Clubmusik sein, die überrascht und Drive erzeugt. Dazu muss man die Gäste aufmerksam beobachten und auf sie eingehen.
Ich versuche, fünf Jahrzehnte Technokultur zu vermitteln: von leichter Nu-Disco und souligen, groovigen, federnden Sounds aus Detroit und Chicago bis zu gut produzierten Peak-Time-Drops oder tiefen Industrial- und Tribe-Tracks. Dann kann auch wieder etwas Oldschooliges oder Minimales auftauchen. Alles bewegt sich im Kontext des konstanten Takts von Techno und darf dabei auch discoid oder housig sein. Das ist ja eigentlich eine Familie, in der sich alles gegenseitig inspiriert. Außerdem komme ich so dazu, meine ganze Plattensammlung zu spielen.
Um ehrlich zu sein: Aus meiner rein persönlichen Perspektive finde ich die Wiener Techno-Clubkultur sowohl musikalisch als auch organisatorisch eher langweilig. In unserem Kollektiv gibt es dazu unterschiedliche Sichtweisen, die alle zu respektieren sind. Mir ist es dennoch wichtig, meine Sicht zu äußern.
Ich halte nichts davon, wenn im Club immer nur roh, nur hart oder nur schnell gespielt wird – oder wenn eine Techno-Party nur dann als gut gilt, wenn man Sex im Club hat oder Latex trägt. Ein Abend beginnt, und schon läuft alles auf hohem Tempo, die ganze Zeit in derselben Schleife. Früher gab es auch Tekkno, Schranz und so weiter. Aber man hat mit Vinyl gespielt: Jede Platte klingt anders und bringt dadurch Bewegung und Lebendigkeit ins Spiel. Die Breaks wurden mit Vinyl-House-Samples analog und konzentriert gesetzt. Durch digitale Medien klingt für mich alles gleich. Spannung entsteht nur noch durch permanente Drops, die wie aus der Retorte klingen. Und damals trugen alle die Kleidung, in der sie sich wohlfühlten.
Kreative Ausbrüche, das Spielen mit der Musik, kommen für mich zu kurz. Oft steht die Performance der DJs im Mittelpunkt: sexy sein, hinter dem DJ-Pult hüpfen und springen, um die Menge zu motivieren. Das kann man schon mal machen. Aber so kann ich nicht kreativ sein, konzentriert einen geilen Job machen, über mich hinauswachsen, mutig sein und mich trauen, auch Fehler im Set zu riskieren – gemeinsam mit den Leuten. Das will natürlich auch nicht jede*r. Vielleicht bin ich diesbezüglich auch zu verwöhnt und geprägt von meiner Zeit in Berlin und meiner Jugend in den Neunzigern.
Also: viel Vinyl und Gefühl. Es soll spannend bleiben und auch denjenigen viel bieten, die nur für zwei Stunden da sein können.
Das Wichtigste ist, nicht zu schnell zu spielen – außer vielleicht beim Closing, in der letzten Stunde. Auch Musik, die mit 135 BPM produziert wurde, kann bei 128 BPM fantastisch und verrückt klingen, ohne zu überfordern. Am liebsten bewegen wir uns zwischen 120 und 133 BPM, als Einraumdisco.
Auch bei den DJ-Bookings wählen wir eine große Bandbreite, damit es spannend und wild bleibt.
Früher anfangen. Weiter denken.

Was könnten andere Clubs von euren Erfahrungen übernehmen, damit sich mehr Menschen einen Besuch zutrauen – auch wenn sie kein eigenes Nachmittagsformat anbieten?
Früher anfangen, wie schon erwähnt. Achtsam mit den Mitmenschen umgehen und die Gäste in den Vordergrund stellen, nicht die DJs. Für vulnerable und marginalisierte Zielgruppen sind die Headliner nicht das Entscheidende, sondern die Gastgeber*innen, Vertrauen und gute Musik. Der Eintritt darf nicht zu hoch sein.
Wir arbeiten ausschließlich auf Spendenbasis. So können Gäste selbst entscheiden, was ihr Geldbeutel zulässt, erst einmal hineinschnuppern, wenn sie unsicher sind, und vielleicht beim Nachhausegehen etwas in die Spendenbox werfen.
Vor allem muss man die Menschen gezielt ansprechen und einladen. Wenige haben Instagram, manche vielleicht Facebook, einige nicht einmal eine E-Mail-Adresse. Deshalb braucht es wieder Plakate, Flyer, Visitenkarten, einen E-Mail-Newsletter und persönliche Einladungen auf der Straße. In der Werbung muss klar formuliert sein, dass diese Menschen wirklich gemeint sind.
Ich möchte noch hinzufügen: Wenn Clubbings schon um 18 Uhr anfingen, wäre das Publikum viel diverser, und Awareness würde sich von selbst ergeben. Menschen, die zum Beispiel Angststörungen haben und sich nachts nicht vor die Tür trauen, würden eher kommen. Nach meiner Erfahrung betrifft das viele vulnerable Menschen. Auch Menschen, die Unterstützung benötigen, kommen eher am frühen Abend mit ihrer Begleitung.
Wenn ältere Menschen anwesend sind, verhalten sich Jüngere automatisch rücksichtsvoller. Auch die Sperrstundenproblematik müsste man dann nicht in derselben Form diskutieren: Wer früher anfängt, kann länger feiern. Die vulnerablen Gäste gehen ohnehin früher nach Hause, und die Jungen können sich danach wegballern, wenn sie das möchten.
techNOage
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Ausgangsfotografien: techNOage / bereitgestelltes Bildmaterial.