
ID: Interview Wien / Independent since 2003
NOISE
APPEALRECORDS
Was bleibt, ist die Arbeit.
500 CDs, ein Anruf von Fuckhead und 300 Hüllen, die noch einmal durch die Hände müssen. Dominik Uhl über das Leben hinter Noise Appeal Records.
Dominik Uhl im Gespräch ↓Eine Platte kommt aus dem Presswerk. Für die Hörer:innen beginnt damit ihre Geschichte; für das Label ist bereits ein großer Teil der Arbeit passiert. Bei Noise Appeal Records kann allerdings auch jetzt noch alles von vorn losgehen. Seit 2003 veröffentlicht das Wiener Independent-Label Musik, die auf dem Plattenteller genauso ihren Platz hat wie auf einer Bühne. Im Gespräch führt Dominik Uhl durch die Entscheidungen, Begegnungen und gelegentlichen Reparaturaktionen dahinter.
Und jetzt?
Der Anfang dieser Geschichte passt in Kartons: 500 Exemplare von Fresnels CD Scenario. Ein fertiger Tonträger beantwortet die Frage, wie die Musik klingen soll. Was danach mit ihr passiert, ist eine andere Aufgabe. Uhl erinnert sich an diesen ersten Moment ebenso lebhaft wie an die späteren Begegnungen mit Menschen, deren Musik ihn selbst geprägt hat.
Wenn du an die ersten Jahre von Noise Appeal zurückdenkst: Was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?
Das sind wohl in Summe zu viele Momente. Aber klar: Als die erste Veröffentlichung aus dem Presswerk eingetroffen ist — Fresnel, Scenario, CD. Das war schon sehr speziell. Und die Frage: Und jetzt? Was machen wir mit den 500 CDs? Danach ist die Band noch zum abendlichen Sit-in gekommen.
Oder als mich ein Freund und temporärer Labelkollege anrief und meinte, dass Didi Bruckmayr und Fuckhead bei uns eine Platte machen wollen. Das war so etwas wie ein Ritterschlag für das Label.
Und vielleicht noch, weil alle guten Dinge drei sind: das erste Treffen mit Hans Platzgumer, um ihn von meiner Idee einer HP Zinker 7″-Box zu überzeugen. Dazu muss man wissen: Die Band ist so etwas wie mein Indie-Alltime-Favorite seit früher Jugend. Und dann sitzt man mit dem Herrn in einem Wiener Café und trinkt das eine oder andere Bier. Aber wie eingangs erwähnt: Es gab in den letzten 23 Jahren sehr viele Momente, die mir ewig in Erinnerung bleiben werden.

“Musik muss dich umhauen und zum Label passen.”
Dominik Uhl
Die Chemie muss stimmen.
Aus einzelnen Veröffentlichungen wird ein Katalog, aus Bekanntschaften werden neue Projekte. Heute betreiben Uhl und Michael Marlovics Noise Appeal gemeinsam. Die stilistische Offenheit des Labels bedeutet dabei nicht, dass jede Band passt. Bevor Zeit, Geld und Energie investiert werden, muss auch klar sein, wie man miteinander arbeitet.
Wie bist du auf eine eurer neueren Bands aufmerksam geworden? Was hat dich überzeugt, mit ihr zu arbeiten?
Wir entscheiden hier gemeinsam — also Michael und ich, die wir das Label betreiben. Und um ehrlich zu sein: In den letzten, sagen wir mal, vier bis fünf Jahren sind die meisten neuen Bands übers Netzwerk bei uns gelandet. Sprich: Ein:e Musiker:in spielt in einer Band, hat noch ein Sideprojekt oder ist gut befreundet … eher in die Richtung.
Danach hören wir klarerweise die Musik an und treffen uns im Bestfall, weil das Miteinanderkönnen extrem wichtig ist. Wenn das Menschliche nicht passt, braucht man ein Projekt gar nicht zu starten. Wenn diese Dinge positiv sind, kann man sich intensiver Gedanken machen. Es ist ja doch ein Commitment. Beidseitig. Da stecken Arbeit, Zeit und Geld drin — von beiden Parteien. Da muss schon sehr viel stimmen, damit man sich darauf einlässt.
Aber natürlich: Musik muss dich umhauen und zum Label passen. Das tut sie trotz unserer Offenheit nicht zwangsläufig immer. Und die Chemie zwischen den beteiligten Menschen muss stimmen.
Zwischen den Veröffentlichungen
Ein Label ist auch ein Miteinander.

Hinter dem kleinen Cover.
Wer auf Play drückt, sieht von einer Veröffentlichung oft kaum mehr als ein quadratisches Bild. Dahinter liegen Entscheidungen über Songs und Singles, ein Zeitplan, Druckdaten und Gespräche mit dem Presswerk. Uhl beschreibt das Label als eine Arbeit, die lange vor dem fertigen Produkt beginnt — und die künstlerische Entscheidung trotzdem bei der Band lässt.
Was gehört zu eurer Arbeit für die Bands, das man als Hörer gar nicht mitbekommt?
So ziemlich alles, von Anfang an. Als Hörer:in bekommst du ja im Zweifel — also bei digitalen Plattformen — nur die Musik zu hören und ein Mini-Thumbnail als Cover.
Ich kann jetzt nur für Noise Appeal Records sprechen, aber von Songauswahl — die letzte Entscheidung hat immer der oder die Künstler:in — über Singles, zeitlichen Fahrplan, Promotion, Hilfe bei der Drucksortenerstellung, Kommunikation mit den Presswerken und dem Vertrieb und, und, und: alles, was es braucht, damit am Ende ein Produkt im Handel steht. Auch wenn die Handelsplattform ‚nur‘ ein Streamingportal ist.

falten. kleben. noch einmal.
Noch einmal. Alle 300.
Die HP Zinker Singles Box erschien 2013 und bündelte Aufnahmen von 1989 bis 1994. Für Uhl war sie auch die Annäherung an eine persönliche Lieblingsband. Dass physische Veröffentlichungen eigene Probleme mitbringen, zeigt eine andere HP-Zinker-Platte: Bei Mountains of Madness sollte eine transparente Banderole das Cover verändern. Die erste Ausführung funktionierte nicht wie vorgesehen. Also wurde die gesamte Auflage von Hand nachgebessert.
HP Zinker · 2013 / Der StandardIhr bringt auch ältere Aufnahmen wieder heraus. Gab es dabei eine Platte, die euch viel mehr Arbeit gemacht hat als gedacht? Was war da los?
Nein. Also nicht mehr Arbeit als gedacht. Man weiß im Vorfeld schon in etwa, was auf einen zukommt beziehungsweise was passieren kann. Aber klar: Die oben angesprochene HP Zinker Singles Box war massiv viel Arbeit, weil sehr viel selbst gebastelt wurde. Das betrifft auch den Singles-Club, den wir zum 15er gemacht haben: jeden Monat eine neue Split-7″ mit Siebdruck-Cover.
Wo tatsächlich mehr Arbeit und auch Kosten anfielen: die HP Zinker Mountains of Madness Doppel-LP. Da ist so eine Kunststoff-Banderole drum herum. Die erzeugt einen Effekt, wenn man die Plattenhülle herauszieht. Man hat also grob gesprochen zwei Cover: einmal mit der Banderole und Motiv A, einmal ohne mit Motiv B.
Als die aus dem Presswerk kam, war von dem Effekt nicht viel zu sehen: zu dickes Material mit zu wenig Durchlässigkeit. Also haben wir uns entschlossen, alle auszupacken, die Banderolen per Mülltrennung zu entsorgen und neue zu machen. Wir haben dann klare, transparente herstellen lassen und diese in einer Druckerei flächig mit roter Farbe bedruckt.
Vor Ort testen, bis es gepasst hat, und dann 300 Stück falten, kleben und auf jede Platte geben. Das war schon eine Hausnummer.
Leichter gehört. Schwerer gespielt.
Tutorials, eigene Aufnahmen, direkter Zugang zu Streamingplattformen: Musik lässt sich heute mit anderen Mitteln veröffentlichen als 2003. Uhl trennt diese Möglichkeiten von der Frage, wie eine Band tatsächlich ein Publikum erreicht und Konzerte spielt. Seine Bilanz ist keine einfache Nostalgie. Sie hält Chancen und Frust gleichzeitig aus.
Was ist heute für eine junge Band in Österreich leichter als zu euren Anfangszeiten — und was schwieriger?
Leichter ist wenig. Vielleicht das Lernen von Instrumenten und professionell aufzunehmen, weil viel selber geht? Als ich in die Musik hineingestolpert bin, musste man Gitarre noch per Griffbuch, Gehör und Abhören von Tonträgern lernen. Jetzt gibt es einiges an Tutorials im Netz, die einem hier ein wenig Arbeit abnehmen. Was per se nichts Schlechtes ist.
Dasselbe gilt für Recordings und natürlich für den ersten Schritt des Vertriebs der Kunst: Musik auf Streamingportale bringen et cetera. Dazu braucht es in Summe nicht viel.
Alles andere, denke ich, ist massiv schwerer geworden. DIY-Netzwerke, um Konzerte zu spielen — die das Um und Auf sind —, sind kaum mehr vorhanden. Für jeden Handgriff braucht es eine zwischengeschaltete Agentur, damit das Gegenüber, zum Beispiel ein:e Booker:in in einem Club, überhaupt mit dir spricht. Klickzahlen und Streamingzahlen sind wichtiger als die Musik selbst. Wenn man es rein auf das Geschäftliche herunterbrechen mag, ist nichts mehr einfach und vieles eigentlich zum Kotzen.
Andererseits ist es heutzutage wohl so leicht wie noch nie, die eigene Kunst potenziell einem großen Publikum vorzustellen. Es gibt also immer ein Für und ein Wider.
NOISE APPEAL RECORDS