ID: Interview 19—25.10.2026 · Wien

SONIC
TERRITORIES

WHERE
WATER
GATHERS.

Wo wir zusammenkommen.

Wasser, offene Räume und ein gemeinsamer Tisch. Mimie Maggale über Sonic Territories und die Kunst, einander zuzuhören.

Mimie Maggale · Das Gespräch ↓
Echoes of Softness — Valeria Lanner & Aaron Josi Sternbauer
Echoes of Softness · © Hanna Fasching

Mimie Maggale
Artistic Director / Sonic Territories

Bevor ein Festival zum Programm wird, ist es eine Vorstellung davon, wie Menschen einander begegnen könnten. Für Mimie Maggale beginnt diese Vorstellung beim Zuhören. Die Gründerin und künstlerische Leiterin von Sonic Territories denkt Klang über die klassische Konzertsituation hinaus. Unter dem Titel „Where Water Gathers“ führt die Festivalwoche vom 19. bis 25. Oktober 2026 durch Wien — und durch verschiedene Formen des Zusammenseins.

01

Eine Idee gerät in Bewegung.

Am Anfang stehen Klangerfahrungen: Unterwasseraufnahmen, Waterbowls, die Aufmerksamkeit für etwas, das sonst unbemerkt bleibt. Doch aus Wasser soll keine bloße Geräuschkulisse werden. Maggales Erzählung führt von konkreten künstlerischen Eindrücken zu einer Frage, die das ganze Festival trägt: Was bringt Menschen zusammen?

„Where Water Gathers“ verbindet dieses Jahr euer Programm. Gab es einen bestimmten Ort, eine Begegnung oder ein Hörerlebnis, durch das Wasser für dich zum Thema wurde? Mich interessiert der Moment, bevor daraus ein Festivalkonzept entstanden ist.

Wasser spielt in der Klangkunst seit Langem eine wichtige Rolle. Mich faszinieren beispielsweise die Unterwasseraufnahmen von Jana Winderen, die uns akustische Welten zugänglich machen, die unserer alltäglichen Wahrnehmung verborgen bleiben. Vor drei Jahren hatten wir außerdem Tomoko Sauvage mit ihren Waterbowls bei Sonic Territories zu Gast – ein unglaublich intensives Klangerlebnis, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Ursprünglich wollte ich verstärkt mit Klanginstallationen und künstlerischen Interventionen direkt am Wasser arbeiten. Für größere installative Arbeiten fehlen uns allerdings oft die finanziellen und produktionstechnischen Ressourcen. Gleichzeitig war mir klar, dass ich kein Festival machen wollte, bei dem es eine Woche lang nur „plätschert“. Mich interessierte weniger die bloße Wiedergabe von Wassergeräuschen als die Frage, was Wasser als künstlerisches und gesellschaftliches Thema auslösen kann.

So hat sich Where Water Gathers zunehmend von einer Beschäftigung mit Wasser als Klangphänomen zu einer umfassenderen kuratorischen Idee entwickelt: Wasser als Metapher für Bewegung, Veränderung und das Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen, künstlerischer Praktiken und Erfahrungen.

02

Der Raum hört mit.

Diese Frage verändert sich mit dem Ort. Eine Kirche bringt Erwartungen mit: an Stille, Haltung und Abstand. Echoes of Softness setzt genau dort an. Am 22. Oktober wird die Pfarre St. Florian zu einem Raum, den das Publikum nicht nur vom Sitzplatz aus erfahren soll.

Ihr bespielt unter anderem Kirchen, die Seestadt Studios und das Otto Wagner Areal. Kannst du an einer Arbeit aus dem diesjährigen Programm erzählen, wie der jeweilige Ort das Hören verändert?

Ein besonders schönes Beispiel dafür, wie sich die Wahrnehmung eines Ortes verändern kann, ist Echoes of Softness am 22. Oktober in der Pfarre St. Florian. Die Performance verwandelt den Kirchenraum in eine Art sakralen Spielplatz. Das Publikum darf sich frei bewegen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und den Raum auf eine ganz andere Weise entdecken. Ein Ort, der normalerweise mit bestimmten Regeln, Ritualen und Verhaltensweisen verbunden ist, wird plötzlich offen, zugänglich und spielerisch. Gerade diese Verbindung von sakraler Architektur, experimenteller Kunst und einer gewissen Ungezwungenheit finde ich besonders spannend.

Chris Ruf & Momo
Chris & Momo · Sonic Territories
19.10

THE RIVER
MOUTH

03

Zuerst: ein Tisch.

Noch bevor die Woche durch ihre unterschiedlichen Klangräume führt, beginnt sie am 19. Oktober am Otto Wagner Areal mit einem gemeinsamen Essen. Chris Ruf und Momo arbeiten dafür mit der 4lthangrund Küfa. Nähe entsteht hier nicht allein durch Musik, sondern auch dadurch, dass Menschen dieselbe Tafel teilen.

Bei der Eröffnung beginnt ihr mit Essen, Gesprächen und gemeinsamem Zuhören an einem Tisch. Warum war dir gerade dieser Einstieg wichtig? Was kann dort zwischen Menschen entstehen, das bei einem Konzert mit Bühne und Publikum schwerer zustande kommt?

Chris Ruf und Momo entwickeln dafür gemeinsam mit der 4lthangrund Küfa ein pflanzenbasiertes Menü, dessen Mittelpunkt eine über viele Stunden gekochte und geklärte Brühe bildet. An einem gemeinsamen Tisch begegnen wir einander anders als in einer klassischen Konzertsituation – ohne die übliche Trennung zwischen Bühne und Publikum.

Das gemeinsame Essen hat für mich auch etwas Rituelles. Unser Festival dauert sieben Tage, fast wie eine kleine Prozession durch unterschiedliche Orte der Stadt. Wir kommen zusammen, teilen Essen und Erfahrungen, hören einander zu und ziehen weiter. Vielleicht können wir dabei für einen Moment eine andere Welt entstehen lassen und gemeinsam an neuen Utopien arbeiten.

Brandon LaBelle
Brandon LaBelle · Courtesy of the artist
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Neugier genügt.

Wer experimentelle Musik bisher eher von außen betrachtet hat, findet in dieser Einladung einen möglichen Anfang. Maggale empfiehlt keine Vorbereitungsliste. Ihr geht es um die Freiheit, eine eigene Reaktion zuzulassen — und darum, zwischen konzentriertem Hören, Bewegung und Gespräch wechseln zu können.

Stell dir jemanden vor, der gern elektronische Musik hört, aber noch nie bei einer Klangperformance oder Listening Session war. Wo würdest du diese Person im diesjährigen Programm zuerst hinschicken – und was würdest du ihr mitgeben, damit sie nicht das Gefühl hat, etwas „verstehen“ zu müssen?

Ich würde diese Person wahrscheinlich zu unserem Closing am 25. Oktober ins Otto Wagner Areal einladen. Aber auch Brandon LaBelles Listening Session oder unser Konzert in der Glaubenskirche Simmering wären wunderbare Einstiegsmöglichkeiten.

Beim Closing verbinden sich Listening Sessions, Live-Performances, DJ-Sets und gemeinsames Essen. Man kann einfach vorbeikommen, zuhören, sich bewegen oder mit anderen Menschen ins Gespräch kommen.

Ich glaube, eine der größten Hürden bei experimenteller Musik ist die Vorstellung, man müsse etwas darüber wissen, um sie genießen zu können. Dabei braucht man keine besonderen Vorkenntnisse, um neugierig zu sein. Man darf Musik auch einfach seltsam, überraschend, berührend oder lustig finden. Und gerade heuer geht es uns nicht nur um Musik, sondern auch um Austausch und Begegnung.

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Was nach dem Klang bleibt.

Im Gespräch verschiebt sich der Schwerpunkt: von einzelnen Arbeiten zu dem, was zwischen Menschen geschieht. Maggale beschreibt nicht nur, wie sie ein Festival gestaltet. Sie erzählt auch, wie die Arbeit daran ihre eigenen Prioritäten verändert hat. Zuhören und miteinander sprechen gehören für sie inzwischen untrennbar zusammen.

Ihr beschäftigt euch intensiv mit dem Zuhören. Hat eine Begegnung bei Sonic Territories einmal verändert, wie du selbst zuhörst – einer Arbeit, einem Ort oder einem Menschen? Welche war das?

Einer der Gründe, warum ich Sonic Territories gegründet habe, war die Überzeugung, dass das Zuhören außerhalb des klassischen Konzertkontexts mehr Aufmerksamkeit verdient. Klanginstallationen und Klangskulpturen haben mich immer wieder dazu gebracht, meine eigenen Gedanken herunterzufahren und mich ganz auf das Hören einzulassen. Manche Arbeiten haben mir dabei auch völlig neue Perspektiven eröffnet.

Zuhören erfordert Aufmerksamkeit, vielleicht sogar eine gewisse Disziplin. In einer Zeit, in der wir ständig mehrere Dinge gleichzeitig tun, ist das eine wertvolle Erfahrung.

Durch die Arbeit an Sonic Territories hat sich mein Blick aber auch verändert. Je mehr Festivals ich produziere, desto wichtiger werden mir die Begegnungen und Gespräche, die rund um die Kunst entstehen. Ich schätze die meditative Erfahrung des Zuhörens genauso wie die gepflegte Konversation. Deshalb möchte ich Räume für beides schaffen. Neben all dem Noise muss schließlich auch Platz für ein gutes Gespräch sein.

19—25 OCTOBER / VIENNA

Die Begegnung geht weiter.