ID: INTERVIEW · SWITZERLAND

MaJa.

Ganz im Jetzt.

MaJa über drei Decks, genrefluide Reisen und den positiven Nachhall der letzten Tracks einer Nacht.

MaJa · Zürich
MaJa with braids, glasses and headphones. Photograph: @beatiq.ch.
Foto: @beatiq.ch

Als Tänzerin kannte MaJa die Zürcher Clubs schon lange, bevor sie im Lockdown selbst mit dem Mixen anfing. Hinter den Decks entdeckte sie eine andere Form von Intensität: gleichzeitig ganz bei sich und mit allen Menschen im Raum verbunden zu sein. Wir sprechen über sorgfältige Vorbereitung und offene Nebengleise, vertraute Tracks im richtigen Moment und ein Closing, das den Abschied nicht überstürzt.

MaJa ist eine Zürcher DJ. Ihre musikalischen Reisen nennt sie «genrefluid»; beim Auflegen arbeitet sie am liebsten mit mindestens drei Decks. Die Antworten auf unsere fünf Fragen erhielten wir am 29. Oktober 2026.

01 / IM GESPRÄCH

Mit drei Decks ganz im Jetzt

Du warst schon lange selbst auf Raves, bevor du im Lockdown mit dem Mixen angefangen hast. Was hat dich hinter den Decks überrascht, das dir als Tänzerin vorher gar nicht aufgefallen war?

Dass ich beim Auflegen in einen himmlischen Zustand komme, der noch viel berauschender ist als das Tanzen. Ich kreiere etwas dadurch, dass ich mich vollkommen der Musik hingebe. Ich spüre die Phrasen, den BuildUp jedes Tracks und betreibe etwas, das ich "live sound editing" nenne. Das finde ich einfacher und auch bequemer mit mehr als zwei Decks, weshalb es für mich das Grösste ist, wenn ich mindestens drei Decks zur Verfügung habe. DJing bringt mich so sehr ins Jetzt, wahrscheinlich auch, weil ich meinen Drang nach Autonomie völlig ausleben kann. Das fühlt sich fantastisch an. Gleichzeitig fühle ich mich verbunden mit allen Menschen im Raum, spüre die Energie, die frei wird und zu mir zurückfliesst. Das erfüllt mich mit Freude und Kraft, die es mir leicht macht, auch mal fünf Stunden zu spielen.

02 / IM GESPRÄCH

Vertrautheit und Überraschung

MaJa beim Auflegen in der Heldenbar. Foto: @beatiq.ch.
Foto: @beatiq.ch

In deiner Beschreibung für die Heldenbar geht es um die Balance zwischen Vertrautem und Überraschung. Woran merkst du beim Auflegen, dass es gerade Zeit für einen unerwarteten Track ist?

Das sehe und spüre ich anhand der Energiewechsel im Raum, den Mikrobewegungen in der Menge und zudem wird es mir selber einfach schnell langweilig (lol). Tracks und Anlass müssen zusammenpassen. Es gibt Clubs, in denen ich "housiger" oder eher "techy" spiele, resp. wo z.B. Madonna nie in Frage käme. Die Musik muss zwingend eine gewisse Lautstärke haben, damit die Bässe wirken und die Crowd eintauchen kann. Wenn ich gänzlich unbekannte, oder fast ausschliesslich neue Tracks spiele, ist es für die Tanzenden manchmal schwieriger, sich einzulassen. Da tut dem Ohr etwas Vertrautes gut. Aber ausschliesslich Banger zu spielen, nutzt sich zu sehr ab. Das Einbetten der Tracks in die jeweiligen Stimmungen ist wichtig.

Gute Sets sind ein Geben und Nehmen und leben stark von der Interaktion mit den Tanzenden.
03 / IM GESPRÄCH

Vorbereitet, aber nicht festgelegt

Du bereitest deine Gigs sehr sorgfältig vor. Wie viel von einem vorbereiteten Set bleibt bei dir offen, wenn du die Menschen vor dir siehst?

Weil ich die Clubs als Clubgängerin sehr gut kenne, und weiss, wo welcher Sound gefragt ist, kann ich mich jeweils recht gut auf meine Trackauswahl verlassen. Ich habe zudem immer verschiedene "Nebengleise" in petto, wenn ich merke, dass meine musikalische Reise, die ich gern als "genrefluid" bezeichne, in gewissen Bereichen besser ankommt. Es fällt mir leicht, dann noch etwas länger bei dem zu bleiben, worauf die Crowd jetzt gerade abfährt. Und doch möchte ich meine Musik zeigen, denn das sind in meinen Ohren ja allesamt Trouvaillen. Gute Sets sind ein Geben und Nehmen und leben stark von der Interaktion mit den Tanzenden. Ich möchte auch abwechslungsreich bleiben und komme gern wieder auf meine ursprünglich angedachte, in keine Schublade passende Linie zurück. Der Gig am Château Festival in Frankreich bspw. (auf meinem SC) entwickelte sich zu einem vierstündigen Set. Das war zu drei Vierteln überhaupt nicht vorbereitet und hat viel zu meiner Entwicklung als DJ beigetragen.

04 / IM GESPRÄCH

Ein Abschied mit Nachhall

MaJa hinter den Decks bei Labil mit Stil im Hive. Foto: @beatiq.ch.
Foto: @beatiq.ch

Im Tonfall-Interview hast du dich klar fürs Closing entschieden. Was möchtest du den Menschen mit den letzten Tracks einer Nacht mitgeben?

Mit den letzten Tracks zeige ich den Tanzenden, dass die Party nun vorbei ist. Ich bereite sie auf einen Übergang vor. Eine Abschiedsbegleitung also, die einerseits die Reise würdigt, die gerade unternommen wurde, andererseits auch vorbereitet darauf, dass man unweigerlich wieder in den Alltag geschickt wird. Ich wähle bewusst Tracks, die einen positiven Nachhall erzeugen, sodass die Tänzerinnen und Tänzer loslassen können, was jetzt gerade war. Dahinter steht mein Wunsch, bei den Tanzenden Vorfreude auf zukünftige Parties und meine Gigs aufkommen zu lassen, und dass etwas Positives zurückbleibt, an das mensch sich gern erinnert.

05 / IM GESPRÄCH

Offenheit auf der Tanzfläche

Bei welchen Zürcher Tanzorten hast du das Gefühl, dass die Menschen besonders offen füreinander und für die Musik sind?

Da nenne ich grundsätzlich alle Orte, wo ich schon gespielt habe. Und doch gibt es, besonders an öffentlichen Orten, immer etwas lästigen "Beifang". Insofern ist es wahrscheinlich den Veranstaltenden, resp. der Selektion zu verdanken, welche Menschen sich angezogen fühlen (und wie offen sie für die Musik und die anderen sind, und wie respektvoll miteinander umgegangen wird). Leider wird manchmal das Mindset am Eingang nicht gleich sichtbar.

Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis trägt viel zu einer guten Stimmung bei. Die Tageszeit entscheidet ebenfalls darüber, wer noch im Club und wie hoch der Konsumfaktor ist. Ich spiele auch an vielen privaten kleinen Raves und Parties, die überhaupt nicht kommerziell ausgelegt sind. Hier fühle ich deutlich mehr Offenheit und mehr Community als an öffentlichen Anlässen.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. @beatiq.ch