Blaufinger.
Zwischen Präzision und Gefühl.
Blaufinger über THRESHOLD, die eigene Stimme der Gitarre und Musik, die live im Moment entstehen darf.
Roman · Blaufinger
Ein Album als zusammenhängende Welt: Mit THRESHOLD führen Blaufinger ihre Verbindung von Gitarre und Elektronik weiter. Im schriftlichen Gespräch erzählt Roman, wie aus unterschiedlichen Vorstellungen gemeinsame Songs werden – und warum die Aufnahme auf der Bühne nur der Ausgangspunkt ist.
Blaufinger kommen aus Aarau und verbinden elektronische Musik mit einer eigenständigen Gitarrenstimme. Live gibt es das Projekt solo und als Duo. Am 7. November 2026 stellen sie THRESHOLD im KIFF in Aarau vor. Roman beantwortete unsere fünf Fragen im Oktober 2026.
Eine Welt für das ganze Album
Nach MONOLOG kommt nun THRESHOLD. Was habt ihr beim Arbeiten am neuen Album anders gemacht?
Ich glaube, wir hatten bei THRESHOLD ein klareres Gefühl dafür, wohin wir musikalisch wollen. MONOLOG war unser erstes Album und damit auch eine Art Suche danach, was Blaufinger überhaupt ist. Wir haben viel ausprobiert und unseren Sound erst richtig kennengelernt.
Bei THRESHOLD wollten wir weniger einzelne Songs machen, die für sich stehen, sondern ein Album, das als Ganzes funktioniert und eine Entwicklung durchmacht. Die Stücke hängen emotional und musikalisch zusammen. Es geht um Verlust, Erinnerungen, Hoffnung und darum, wieder nach vorne zu schauen. Wir haben uns mehr Zeit genommen, diesen Zusammenhang herauszuarbeiten und auch Dinge wegzulassen, wenn sie nicht zur Geschichte des Albums gepasst haben.
Gleichzeitig wollten wir uns musikalisch nicht einschränken. Es gibt auf dem Album unterschiedliche Stimmungen und Energien, aber alles gehört in dieselbe Welt. Ich glaube, wir haben mittlerweile ein besseres Verständnis dafür, was Blaufinger ausmacht, ohne genau festlegen zu wollen, wie ein Blaufinger-Song klingen muss.
Eine eigene Stimme

Die Gitarre hat bei Blaufinger eine eigene Stimme. Kannst du an einem Stück des neuen Albums erzählen, wie sich eine Gitarrenidee und die elektronischen Elemente gegenseitig verändert haben?
Bei uns entsteht ein Song selten so, dass zuerst ein fertiger Gitarrenpart da ist und wir danach elektronische Elemente darum herum bauen. Oft beeinflussen sich die Dinge gegenseitig. Ein Gitarrensound kann plötzlich wie ein Synthesizer funktionieren, oder eine eigentlich einfache Gitarrenidee bekommt durch Effekte und Rhythmus eine ganz andere Bedeutung.
Gerade dieser Gegensatz zwischen etwas Organischem und etwas Elektronischem interessiert uns. Die Gitarre muss nicht unbedingt wie eine Gitarre klingen, und die elektronischen Elemente müssen nicht alles kontrollieren. Manchmal entsteht etwas Interessantes, wenn man nicht sofort versucht, alles sauber einzuordnen.
Bei THRESHOLD war uns wichtig, dass die Gitarre nicht einfach ein zusätzliches Instrument ist, sondern eine eigene Atmosphäre und Emotion in die Songs bringt. Sie kann etwas Zerbrechliches haben, aber genauso Druck und Energie erzeugen. Zusammen mit den Beats und Synthesizern entsteht dadurch ein Sound, den wir mit einer rein elektronischen Produktion so nicht hinbekommen würden.
Die Songs sind die Grundlage, aber wir wollen ihnen Raum lassen.
Zwei Perspektiven

Was passiert zwischen euch beiden, wenn ihr euch bei einem Track nicht einig seid? Gibt es auf THRESHOLD eine Stelle, die gerade durch zwei unterschiedliche Vorstellungen besser geworden ist?
Wir haben natürlich unterschiedliche Vorstellungen und Geschmäcker. Das ist aber auch gut so. Wenn wir immer sofort derselben Meinung wären, würde wahrscheinlich vieles weniger spannend werden.
Meistens versuchen wir zuerst, die Idee des anderen zu verstehen. Manchmal diskutiert man ziemlich lange über ein Detail, das für eine Person total wichtig ist und für die andere überhaupt nicht funktioniert. Dann probiert man verschiedene Varianten aus und hört sich an, was tatsächlich passiert, statt nur darüber zu reden.
Wir haben gelernt, dass es nicht darum geht, wer sich durchsetzt. Am Ende muss sich der Song richtig anfühlen. Manchmal ist das die ursprüngliche Idee einer Person, manchmal etwas ganz anderes, das erst durch die Diskussion entsteht. Gerade weil wir beide unsere eigenen Vorstellungen mitbringen, bekommt ein Stück oft mehr Tiefe, als wenn es nur aus einer Perspektive entstehen würde.
Präzision trifft auf den Moment
Blaufinger gibt es live solo und als Duo. Was verändert sich dadurch musikalisch – und an welcher Stelle bleibt ihr auf der Bühne gern offen für etwas, das auf der Aufnahme ganz anders läuft?
Als Duo ist Blaufinger natürlich direkter und lebendiger, weil wir musikalisch aufeinander reagieren können. Es gibt Dinge, die man nicht planen kann: kleine Veränderungen im Timing, spontane Entscheidungen oder Momente, in denen man merkt, dass ein Song heute eine andere Energie braucht als bei der letzten Show.
Wenn ich solo spiele, muss ich mehr Entscheidungen selbst treffen und die verschiedenen Elemente anders zusammenbringen. Das verändert auch die Wahrnehmung der Musik. Manche Details treten stärker hervor, während andere Dinge weniger Platz bekommen. Es ist nicht einfach eine kleinere Version des Duos, sondern eine eigene Perspektive auf die Songs.
Grundsätzlich versuchen wir live nicht, die Aufnahmen möglichst exakt zu reproduzieren. Die Songs sind die Grundlage, aber wir wollen ihnen Raum lassen. Gerade bei elektronischer Musik finden wir es spannend, wenn etwas sehr Präzises auf etwas Unvorhersehbares trifft. Die Musik soll sich bewegen und im Moment entstehen können.
Mit Menschen im Raum
Am 7. November stellt ihr das Album im KIFF vor. Bei welchem Stück seid ihr besonders gespannt darauf, wie es mit Menschen im Raum funktioniert – und weshalb gerade bei diesem?
Ich bin besonders gespannt auf «Mauersegler». Der Song hat für uns eine spezielle Bedeutung innerhalb des Albums. THRESHOLD bewegt sich thematisch zwischen Verlust und Hoffnung, zwischen dem Blick zurück und dem, was noch vor uns liegt. «Mauersegler» schaut bewusst nach vorne und trägt etwas Leichtes, Warmes und Positives in sich.
Mich interessiert, wie sich diese Stimmung in einem Raum voller Menschen anfühlt. Beim Produzieren sitzt man oft allein im Studio und beschäftigt sich mit jedem kleinen Detail. Live wird daraus plötzlich etwas Gemeinsames. Vielleicht nehmen die Leute ganz andere Dinge aus dem Song mit, als wir beim Schreiben im Kopf hatten. Genau das finde ich spannend.
Die Plattentaufe im KIFF ist für uns natürlich auch deshalb besonders, weil wir das Album zum ersten Mal als Ganzes mit unserem Publikum teilen. Wir haben lange an diesen Songs gearbeitet. Jetzt sollen sie aus unserem Studio und unserem eigenen Kopf herauskommen und ihren Platz bei den Menschen finden.
Blaufinger
Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Jessica Christ