ID: INTERVIEW · SWITZERLAND

Rosenkranz.

Dem Zufall Zeit geben.

Rosenkranz über analoge Jams, die EP «One» und eine Zürcher Live-Szene, die gemeinsam wächst.

Matthias Rosenkranz
Matthias Rosenkranz live am Synthesizer · Foto: Yves Ikora
Foto: Yves Ikora · @yvesikora

Ein Klang passt zunächst nicht ins Set. Ihn sofort korrigieren? Matthias Rosenkranz lässt ihn lieber stehen. In seiner improvisierten elektronischen Musik wird Geduld zum Werkzeug: Unerwartetes darf sich entwickeln, statt gleich aussortiert zu werden. Diese Offenheit prägt auch seine Arbeit abseits der Bühne. Mit dem Synth Club und der Jam-Community rund um den Zurich Synthesizer Table schafft er Räume, in denen aus dem ersten Versuch ein eigener Auftritt werden kann.

Der in Zürich lebende Musiker Matthias Rosenkranz veröffentlichte früher als 59 Perlen. Unter dem Namen Rosenkranz erschien im August 2026 die EP «One» bei Petite Victory Collective. Seine Live-Musik verbindet Ambient, Drone und rhythmische Verdichtung. Im schriftlichen Gespräch geht es um seine Arbeitsweise, gemeinsame Sets beim Sonic Playground und die Bedingungen für kleine elektronische Kulturformate.

01 / IM GESPRÄCH

Happy Accidents Raum geben

Rosenkranz am elektronischen Setup beim Klangstrom 2025. Foto: Esteban Maidana.
Foto: Esteban Maidana

Du improvisierst deine Musik live. Woran merkst du während eines Auftritts, dass du einer ungeplanten Idee weiter folgen möchtest?

Meine Gigs starten fast immer in einer Art «Kicking-Off»-Umgebung. Meine Geräte sind da schon so eingerichtet, dass sie eine bestimmte Atmosphäre erzeugen und mein Stresslevel etwas reduziert wird. Mir hilft das ungemein, um in mein Set einzutauchen und mich auf die jeweilige Atmosphäre einzustellen.

Nach einer gewissen Zeit des Spiels löse ich mich aber automatisch davon und es geschehen dann Happy Accidents, die ich spontan weiterentwickle. Mein Grundsatz dabei ist, auf keinen Fall hastige Entscheidungen zu treffen – speziell wenn etwas passiert, das im ersten Augenblick eher wenig zum aktuellen Mood passt. Ich musste lernen, Ruhe zu bewahren und solchen Momenten Raum zu geben, indem ich sie einfach stehen lasse und dann schaue, was ich als Nächstes damit machen kann. Von dieser Perspektive aus gesehen kann ich gar nicht genau sagen, woran ich merke, ob ich einer ungeplanten Idee folgen möchte. Es passiert einfach.

02 / IM GESPRÄCH

Ein neuer Name, eine klare Richtung

Die Stücke auf «One» sind aus Hardware-Jams entstanden. Wie entscheidest du, welche Aufnahme du als fertiges Stück veröffentlichst?

Da ich in meiner Musik gerne Geschichten erzähle, die meine Zuhörer an unbekannte Orte entführen, entscheide ich das meistens nach der jeweiligen Atmosphäre der Jams. «One» war allerdings insofern speziell, als es der erste Release unter meinem echten Namen war und ich mit der Auswahl der Tracks die Richtung des Projekts justieren wollte.

Unter meinem bisherigen Namen «59 Perlen» habe ich stets sehr unterschiedliche Musik veröffentlicht – Hardware, Software, Ambient, Dubtechno, Hybrid und Analog – alles, wozu ich gerade Lust hatte. Meine Sichtweise auf viele Aspekte der Musikproduktion und -industrie hat sich aber in den letzten ein bis zwei Jahren massiv verändert. Unter anderem spielt die Improvisation daher mittlerweile eine zentrale Rolle, sowohl bei meinen Auftritten als auch bei der Wahl meiner Instrumente.

Das wollte ich mit dem Rebranding und mit der EP zum Ausdruck bringen. Sie enthält ausnahmslos Jams, die auf meinen analogen Geräten entstanden sind, meinem Prinzip «Time To Listen» folgen und zusammenhängend eine Geschichte erzählen.

Mein Grundsatz dabei ist, auf keinen Fall hastige Entscheidungen zu treffen.
03 / IM GESPRÄCH

Gemeinsam einen Anfang finden

Beim Sonic Playground setzt ihr dieses Jahr bewusst auf gemeinsame Auftritte. Was hilft zwei Musikern, die zum ersten Mal zusammenspielen, einen gemeinsamen Anfang zu finden?

Wir haben bereits im Vorfeld der Programm-Kuration darauf geachtet, dass die Artists stilistisch ähnlich unterwegs sind. Es kann natürlich auch reizvoll sein, absolut konträre Künstler:innen zusammenzubringen. Wir haben uns aber bewusst für diesen Weg entschieden, um es den Artists etwas leichter zu machen.

Zum anderen haben wir im Rahmen eines Label-Get-Togethers, das am Vortag des Hauptevents stattfindet, Jam-Sessions organisiert, die die Artists nutzen können, um sich «einzuspielen». Das wird sicher interessant!

04 / IM GESPRÄCH

Zwanzig Minuten ohne Erfolgsdruck

Rosenkranz bei einer Performance in einem historischen Innenraum. Foto: Anke Neumeister.
Foto: Anke Neumeister · @anunefotologie

Mit dem Synth Club schaffst du auch Raum für neue Live-Acts. Was hilft jemandem bei euch, sich mit dem ersten eigenen Auftritt wohlzufühlen?

Eigentlich handelt es sich um ein Doppel-Konstrukt, das sich im Laufe der letzten drei Jahre entwickelt hat. Einerseits treffen wir uns monatlich zum Jammen im «Zurich Synthesizer Table». Es stossen dabei immer wieder neue Mitglieder zu uns, aus denen ich ab und an Kandidaten für den Synth Club herausfiltere.

Innerhalb der Jam-Gruppe bieten wir darüber hinaus auch «Solo-Jam-Abende» an. Dort kann jeder, der einfach mal vor kleinem Publikum ungezwungen und ohne jeglichen Erfolgsdruck spielen möchte, 20 Minuten lang die Atmosphäre in einem kleinen Kreis erfahren, ehe er vielleicht vor einem grösseren Publikum wie dem Synth Club spielen möchte.

Der Synth Club selbst ist im Gegensatz dazu ein kuratiertes Format. Aber durch die Vernetzung mit der Jam-Gruppe steht auch dabei stets der Community-Gedanke im Vordergrund. Es geht hier um mehr als Aufbauen, Spielen, Abbauen. Es geht darum, eine gute Zeit miteinander zu haben – und bereits das führt zu Stressabbau und einer gewissen Wohlfühlatmosphäre. Die Community ist hier einfach absolut grandios und hilft, wo es notwendig ist. Und die Gäste – auch ausserhalb der Community – wissen diese Atmosphäre ebenfalls sehr zu schätzen.

05 / IM GESPRÄCH

Mehr Wertschätzung für lokale Räume

Du schreibst, dass es immer weniger Orte zur Entfaltung gibt. Was würde der freien elektronischen Live-Szene in Zürich im Alltag am meisten helfen?

Ich bin zunächst sehr dankbar, dass wir mit dem KuBaA in Affoltern seit Januar 2026 eine tolle Location gefunden haben, die uns auch sehr proaktiv bei unseren Events unterstützt.

Es würde uns und vielen anderen kleinen Veranstaltern aber sicher helfen, wenn es mehr Beachtung, Wertschätzung und auch Förderung von kulturellen Plattformen wie dem Synth Club in diesem Bereich gäbe. Speziell in den Randgebieten der Stadt ist das noch sehr ausbaufähig.

Interview per E-Mail · Redaktion und Bildgestaltung: SCENE:ID. Yves Ikora · @yvesikora · Esteban Maidana · Anke Neumeister · @anunefotologie